Prisma Zynismus heute

Zynismus ist ein Charakterzug, den sich nur die wenigsten Menschen nachsagen lassen wollen. Der Zynismus hat in unserer Gesellschaft keinen guten Namen mehr. Das war in der Antike nicht anders, wo die sogenannten Kyniker zu den Rebellen unter den Philosophen gehörten. Lukas Held geht der Frage nach, was die Grundprinzipien der kynischen Philosophie sind, und ob wir dem Kynismus heute noch etwas abgewinnen können.

Lukas Held / cbi

Lukas Held

Der Zyniker hat keinen guten Namen und einem zynischen, also einem beißend spöttischen Menschen, möchten wir eigentlich nur ungerne begegnen. Das ist heute ebenso wahr wie in der Antike, und deshalb steht der Zynismus eigentlich schon in Verruf, seit es ihn gibt. Heutzutage wird der Begriff "zynisch" jedoch allzu oft unreflektiert benutzt, bspw. wenn man damit Schamlosigkeit oder eine menschenverachtende Haltung, also eine Form der Misanthropie bezeichnet. Das hat zur Folge, dass man der antiken Denkschule des Kynismus, aus der sich der Begriff "Zynismus" ableitet, eigentlich nur noch wenig Aufmerksamkeit schenkt.

Diese Verkürzung des Zynismus auf ein Sprechen und Handeln, das die sozialen Konventionen missachtet und sein Gegenüber bewusst verletzt, hat sicherlich auch mit dem berühmtesten Vertreter der kynischen Denkschule zu tun, nämlich Diogenes von Sinope.

Diogenes lebte von ungefähr 400 bis 323 v. Chr. in Athen und Korinth, und ist - zumindest anekdotisch - den meisten von uns bekannt, z. B. dafür, dass er in einer großen Amphore lebte, und Alexander dem Großen einmal gesagt haben soll, dieser möge ihm bitte aus der Sonne gehen.

Eben diese Anekdoten haben das Bild eines halb-wahnsinnigen Bettlerphilosophen geprägt, der die Hypokrisie seiner Zeit durch verletzende Bemerkungen bloßstellte. Das diskreditierte die ganze kynische Denkströmung, die sich immerhin vom fünftem Jahrhundert v. Chr. bis in die römische Kaiserzeit über zehn Jahrhunderte erstreckte.

Versuchen wir aber einmal, vom Zynismus hin zum Kynismus zu kommen, um zu sehen, wo dessen philosophische Grundgedanken liegen, und dann den Weg zurück zu wagen in unsere Gegenwart, um herauszufinden, ob man dem Kynismus heute noch etwas abgewinnen kann.

Exil als Dauerzustand

Zunächst einmal ist wichtig zu verstehen, dass es sich beim Kynismus, wie bei so vielen antiken Denkschulen, nicht allein um eine Theorie, sondern um eine philosophische Praxis handelt. Der Kyniker inkarniert und lebt sein Denken, ebenso wie sein Handeln sein Denken beeinflusst.

Der Fall des Diogenes ist hier exemplarisch: Infolge einer Anklage wegen Geldfälschung wurde Diogenes seiner Heimatstadt Sinope für immer verwiesen. Die Erfahrung des Exils, also des Verlusts nicht nur all seiner Güter, sondern ebenfalls seines Ansehens in den Augen seiner Mitbürger, bildete eine einschneidende Erfahrung für den Kyniker.

Dieses Erlebnis übersetzt sich philosophisch im Kosmopolitismus, als dessen Begründer eben Diogenes gilt. Er bezeichnete sich als "kosmopolitès", als Weltbürger und zeigte damit an, dass Stadtgrenzen genauso wie Nationalitäten rein menschgemacht sind und als solche keinen Anspruch auf Natürlichkeit erheben können.

An Diogenes' Entschluss, sich in eine Art permanentes Exil zu begeben, wird ein Grundzug der kynischen Denktradition deutlich, nämlich dessen unbedingter Wille zur Freiheit. Der Kyniker möchte sich von allen Bindungen loslösen.

Reich, ohne auch nur eine Obole zu besitzen

Das gilt insbesondere für den materiellen Besitz, der, laut Kynismus, Ursprung einer chronischen Unzufriedenheit ist. Denn mit neuem Besitz gehen immer auch neue Bedürfnisse einher, die es wieder zu befriedigen gilt - eben durch neuen Besitz.

Der wahre Reichtum liegt für den Kyniker eben nicht in der Größe des Besitzes, sondern im Verhältnis zwischen Besitz und Bedürfnis. Deshalb konnte Antisthenes, der Begründer der Kynischen Schule, von sich behaupten, er sei reich, ohne auch nur eine Obole zu besitzen.

Anders ausgedrückt: nicht die materielle Fähigkeit, seine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern die Abwesenheit von Bedürfnissen macht den wahren Reichtum aus, und Armut besteht au contraire nicht darin, wenig zu besitzen, sondern niemals genug zu besitzen. Deshalb kann auch ein sehr wohlhabender Mensch bitterarm sein.

Die hier dargestellte Umkehr der Werte ist ein wesentlicher Charakterzug des kynischen Denkens. So auch in Bezug auf die Sklaverei: laut einer Anekdote wurde Diogenes von Piraten gefangen genommen und in Korinth auf einem Sklavenmarkt zum Verkauf angeboten. Als Diogenes seinen zukünftigen Herrn Xeniades erblickte, soll er gerufen haben: "Verkaufe mich an diesen Mann, er bedarf eines Herrn!"

Wir sehen: Der Herr wird hier zum Sklaven, und der Sklave wird zum Herrn, denn der Herr macht sich vom Sklaven abhängig und begibt sich dergestalt in die Unfreiheit, während der Sklave stets ohne den Herrn überleben kann.

Diogenes, ein "verrückter Sokrates"

An diesen Beispielen wird deutlich, wie kynisches Denken funktioniert: der sarkastische Blick auf etablierte Vorstellungen macht deren Willkürlichkeit überdeutlich und stößt die Reflexion an. Dabei gehen die Kyniker bekanntlich nicht gerade zimperlich vor und scheuen sich nicht, den Anderen um der Wahrheit willen vor den Kopf zu stoßen.

Diese direkte und unverblümte Rede, "parrhesia" genannt, unterscheidet die Kyniker von anderen philosophischen Denkschulen. So kommt es, dass Plato den Diogenes als einen "verrückten Sokrates" bezeichnete. Damit deutete er an, dass Diogenes im Gegensatz zu Sokrates nicht daran gelegen ist, sein Gegenüber durch philosophische Dialoge zur Einsicht in die Wahrheit zu bringen.

Der Kyniker will nicht dialogieren, sondern schockieren und beißen. Anders gesagt: für den Kyniker ist Wissenserwerb kein langsamer Aufstieg hin zur Wahrheit, sondern ein schmerzhafter Fall vom Thron der Illusionen und der Künstlichkeit.

Schmerzhaftes Denken

Hier liegt m. E. der wichtigste Grundzug des kynischen Denkens, den wir für eine Aktualisierung des Zynismus heute zurückbehalten sollten: um wahres Wissen zu erwerben, müssen wir uns Gewalt antun und Gewalt antun lassen. Das beginnt damit, das man sich schockieren und sogar lächerlich machen lässt, also seine "Meinungscomfortzone" aufgibt.

Und es geht weiter damit, dass man schmerzhaft darauf verzichtet, seine Begehren zu befriedigen, bis dass die Begehren als das dastehen, was sie sind, nämlich oberflächlich und irreführend. Und erst dann, in diesem Zustand der Askese, kann dem denkenden Menschen das Licht aufgehen, dass er zu seinem Glück nur seiner selbst bedarf. Das ist wohl die schmerzhafteste Einsicht, denn das bedeutet, dass er sich mit sich selbst auseinandersetzen muss.

So verstanden ist der Zyniker also kein menschenverachtender Spötter, sondern jemand, der herausgefunden hat, dass die Menschen vor sich selbst fliehen. Der Zyniker zeigt uns, dass das meiste von dem, was wir tun, dazu dient, uns nicht mit uns selbst auseinandersetzen zu müssen.

Ich habe diesen Kommentar mit der Feststellung begonnen, dass die Zyniker in unserer Gesellschaft keinen guten Namen haben und dass man ihnen, also den Zynikern, am liebsten nicht begegnet. An sich ist das schon der beste Beweis dafür, dass der Zyniker uns etwas zu sagen hat.

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