Seismograph Stimmung!

Was sagen eigentlich Philosophen zu Online-Meetings, sprich digitaler Kommunikation?
Ein interessanter Beitrag dazu kam kürzlich vom Philosophen Byung-Chul Han, in einem Artikel im Philosophie Magazine. Darin warnte er davor, dass sich die digitale Kommunikation in Zukunft als Norm installiert. Für Han ist diese Form der Kommunikation nämlich nicht nur einseitig, blind und entleiblicht sondern darüber hinaus schrecklich limitiert.

Lukas Held

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Simon: Und weiter machen wir mit der Sendung Seismograph, dem philosophischen Blick auf die Aktualität. Guten Morgen Lukas Held.

Lukas Held: Ich weiß nicht, ob du viel mit Online-Meetings zu tun hast, aber wie du vielleicht schon gehört hast ist es...speziell.

Was sagen eigentlich Philosophen dazu?

Ein interessanter Beitrag dazu kam kürzlich vom Philosophen Byung-Chul Han, und zwar in einem Artikel im Philosophie Magazine. Darin warnte er davor, dass sich die digitale Kommunikation in Zukunft als Norm installiert. Für Han ist diese Form der Kommunikation nämlich nicht nur einseitig, blind und entleiblicht sondern darüber hinaus schrecklich limitiert. Zwar ist die Reichweite eines Online-Meetings natürlich viel größer, was jedoch auf Kosten der Bandbreite menschlicher Ausdrucksfähigkeit geht. Die wird hier nämlich auf das Wesentliche reduziert. Man könnte sagen, das Zoom-Meeting verhält sich zum menschlichen Austausch wie Business-Englisch zur englischen Sprache. Byung-Chul Han sieht in dieser Form der reduzierten, ja abwesenden Kommunikation auch einen wesentlichen Grund für unsere geistige Müdigkeit.

Warum das denn?

Die Präsenz eines anderen Menschen wirkt ja belebend, manchmal natürlich enervierend, manchmal interessant, aber doch immer irgendwie stimulierend. Die Abwesenheit physischer Präsenz, das Alleinsein, der Blick in den Black Mirror des Bildschirms - all das macht uns, so Han, sehr, sehr müde.

Bist du einverstanden mit diesem Fazit?

Ja, und angesichts der Tatsache, dass Firmen bereits damit beginnen, ihre Büroräume zu verkleinern, muss man damit rechnen, dass das Home-Office in gewissen Sektoren tatsächlich zum Status Quo werden wird - und Zoom, Team und Co. Wohl definitiv bleiben werden. Dass man heute nicht mehr von einer Versammlung zur nächsten fahren muss, spart natürlich viel Zeit. Es ist allerdings naiv zu glauben, dass diese eingesparte Zeit sinnvoll genutzt würde, dass man - ach wie schön wäre das - mehr Zeit für sich hätte. Aber nein: es finden einfach noch mehr Meetings statt. Die Tatsache, dass man sich zu Hause von Meeting zu Meeting hangelt führt m.E. zum Verlust einer äußerst wichtigen Komponente in zwischenmenschlichen Relationen.

Nämlich? Welche Komponente meinst du?

Ich meine die Stimmung, die Stimmung geht bei all dem verloren. Eben jene Stimmung, die sich einstellt, wenn mehrere Menschen sich in einem Raum treffen. Die Stimmung, die aus Körpersprache, Geruch, gewissen Ausdrücke, wohl auch aus einer gewissen Nervosität, einer An- oder Entspannung gemacht ist - und die durch Zoom und Teams einfach nivelliert wird. Alle Online-Meetings ähneln sich, denn letztlich und tatsächlich ist man einfach alleine in einem Raum - mit seiner eigenen Stimme und seinem eigenen Körper, aber eben ohne Stimmung. Es gibt übrigens eine Disziplin der Philosophie, die sich mit solcherlei Dingen auseinandersetzt, mit der gelebten Realität, so, wie wir sie konkret erleben - nämlich die Phänomenologie.

Die Phänomenologie...also es scheint um Phänomene zu gehen, aber das musst du vielleicht ein bisschen genauer erklären...

Die Phänomenologie ist eine philosophische Disziplin, die ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Edmund Husserl ins Leben gerufen wurde (übrigens feiern wir heute Husserls 162. Geburtstag). Für Husserl ist Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas - das nennt man in der Philosophie "Intentionalität". Der Phänomenologe interessiert sich eben für die Welt, auf die sich das Ich intentional bezieht. Oder einfacher gesagt: für die Welt, so wie sie erlebt wird, als Phänomen, als etwas Gegebenes, und das vor jeder theoretischen Erfassung oder wissenschaftlichen Verobjektivierung. Die Aufgabe des Phänomenologen besteht darin, eben diese Verobjektivierungen aus dem Weg zu räumen um "zu den Sachen selbst!" zu gelangen, wie Husserl es forderte. Mal als Beispiel: anstatt - wie z.B. der Geograph - von Wald, Fluss, Berg oder Tal zu sprechen, also in Kategorien zu denken, sucht der Phänomenologe zur erlebten Landschaft zu gelangen.

Was hat das jetzt nochmal mit Stimmung zu tun?

Die Stimmung ist eben ein solches erlebtes Phänomen, das sich der genauen Definition entzieht, von dem wir trotz aller Vagheit aber eine phänomenologische Beschreibung machen können. Wenn ich bspw. in ein Haus trete, so fühle ich dort eine gewisse Stimmung, die daher rührt, dass die dort versammelten Dinge ein Art menschliche Atmosphäre in sich tragen. Objekte und Subjekte sind hier ineinander verwebt. Und die Stimmung ist das Ergebnis dieser Verwebung.

Aber anstatt mir hier zuzuhören kann man das ganze viel detaillierter nachlesen, und zwar in Bruce Bégouts Monografie Le concept d'ambiance, die vor rund einem Jahr erschienen ist. Etwas technisch, aber trotzdem sehr lesenswert. Vielleicht mal zwischen zwei Meetings - oder besser noch: anstelle von zwei Meetings.

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