Zäithistoriker Minett Stories: Geschichte und Identität des Minetts

Die virtuelle Ausstellung "Minett Stories" erzählt auf spannende Weise 22 Geschichten über die Industrieregion im Süden Luxemburgs: mit Hörspielen, Comics, Dokumentarfilmen, Videoessays, interaktiven Karten und historischen Essays. Hierzu eine Zeithistoriker-Chronik von Stefan Krebs von der Uni Luxemburg.

Stefan Krebs

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Die virtuelle Ausstellung Minett Stories ist Teil eines Forschungsprojekts des Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C2DH), das von der Europäischen Kulturhauptstadt Esch2022 gefördert wird. Thematisch schließt Minett Stories an die bis Mitte Mai 2022 in der Massenoire gezeigte Multimedia-Ausstellung "Remixing Industrial Pasts" an und untersucht die vielfältigen Transformationen von Landschaften, die Identitäten und Identitätskrisen, die Geschichte der Frauen, die Umweltverschmutzung, die Wohn- und Lebensverhältnisse und die Grenzen des Minetts.

Die sechs großen Themen werden auf der Webseite minett-stories.lu in 22 einzelne Geschichten aufgefächert. Erzählt werden die Ausstellungskapitel transmedial. Diesem Ansatz liegt die Idee zugrunde, dass man unterschiedliche Geschichten am besten in unterschiedlichen Medien für verschiedene Besuchergruppen aufbereitet und präsentiert. Um ein breites und jüngeres Publikum anzusprechen nutzt Minett Stories auch fiktionalisierte Erzählformen und ungewöhnliche mediale Präsentationsformate. Die ganze Ausstellung setzt auf ein spielerisches und interaktives Design, das die Besucher einlädt, auf historische Entdeckungsreise zu gehen. Anhand von vier unterschiedlichen Ausstellungskapiteln und Erzählformaten möchte ich dies kurz verdeutlichen.

Kritisches Einordnen der Quellen

Das Kapitel "Tumulte in Esch" lässt sich als Hörspiel erkunden, recherchiert und konzipiert wurde es von Daniel Richter und Julia Harnoncourt, produziert vom Tonstudio Götze. Die Geschichte basiert auf einem Zufallsfund im Escher Stadtarchiv. Die dort erhaltene Korrespondenz zwischen Polizei und Stadtverwaltung gibt Einblick in ein verdrängtes Stück Stadtgeschichte: die Unruhen vom 26/27. November 1918, bei denen 5-6.000 Männer und Frauen über 60 Geschäfte und Privathäuser in Esch verwüstet und geplündert haben. Das 18-minütige Hörspiel schildert in verschiedenen Spielszenen die Entwicklung dieser Unruhen und die Beweisaufnahme durch die Stadtpolizei. Die fiktionalisierte Erzählung lässt die verschiedenen Perspektiven zu Wort kommen, wie sie sich in den Archivdokumenten wiederfinden lassen: die geschädigten Ladenbesitzer, die vermeintlichen Plünderer und die ermittelnden Beamten. Neben dem Hörspiel gibt es auch einen erläuternden Essay, der den zeitlichen Kontext wie auch die erhaltenen Quellen vorstellt und kritisch einordnet. So erfährt man, dass die Stadt ein besonderes Interesse daran hatte, die an den Unruhen beteiligten amerikanischen Soldaten hervorzuheben, da der Stadt ansonsten hohe Straf- und Entschädigungszahlungen drohten.

Das Kapitel "Identitätsstreitigkeiten" präsentiert einen 20-minütigen Dokumentarfilm, der von Viktoria Boretska und Lars Schönfelder recherchiert, gefilmt und produziert von. Ausgangspunkt dieses Films ist der öffentliche Disput, der sich 1987 an der Veröffentlichung des Fotobuchs "Liewen am Minett" entzündete. In dieser Debatte um das "richtige" Bild des Minetts ging es einerseits darum, inwiefern Fotografie objektiv die Lebenswirklichkeit einer Industrieregion einfangen kann. Andererseits ging es darum, welches Selbstbild die Bewohner des Minetts hatten und wie dieses mit den im Fotobuch gezeigten Fotos kontrastierte. Während die Fotografen im Sinne der sozialkritischen Fotografie auch die dreckigen Hinterhöfe, beengten Wohnquartiere der Arbeitsmigranten oder die von der Arbeit gezeichneten Körper der Hüttenarbeiter schonungslos festhielten, klammerte die kollektive Identität vieler Minettsdäpp diese negativen Aspekte aus. Der Film lässt den damaligen Kurator des Fotoprojekts (Jean Back) sowie zwei daran beteiligte Fotografen (Philippe Matsas und Jos Rinaldi) zu Wort kommen und befragt zudem junge Fotografinnen und Fotografen nach ihrer heutigen Sicht auf das Minett. Ergänzt wird der Film ebenfalls durch einen Essay, der ausführlicher den historischen Kontext schildert und weitere Quellen präsentiert.

Ein neuer Blick auf die soziale und politische Geschichte der 1920er Jahre

Das Kapitel "Minettsmap 1980" bietet eine fotografische Zeitreise in die 1980er Jahre: eine Zeit, in der das Minett einerseits noch von den Früchten eines industriellen Jahrhunderts zehrte, andererseits aber Stahlkrise und Strukturwandel ihre langen Schatten vorauswarfen. Auf einer interaktiven Karte können die Besucher viele Dutzende von Schwarz-Weiß-Fotografien erkunden, die Fred Bisenius und Jos Rinaldi unabhängig voneinander aufgenommen haben. Bisenius war Gründer des "Fotokollektiv Schluechthaus" in Esch, das die Kamera als Waffe der arbeitenden Klasse nutzen wollte. Rinaldi war Maschinenbauingenieur bei ARBED und langjähriger Sekretär des Photo-Clubs Esch. Die beiden verfolgten unterschiedliche Ziele, erkundeten aber mit ihren Kameras die gleichen Ecken des Minetts. Die geo-lokalisierten Fotos zeigen teilweise Aufnahmen der beiden Fotografen, die vom fast gleichen Standpunkt aus aufgenommen worden sind. Gemeinsam ergeben sie ein einmaliges Zeitpanorama des Minetts in den 1980er Jahren. Die interaktive Karte wurde von Viktoria Boretska und Jens van de Maele in Zusammenarbeit mit den beiden Fotografen erstellt.

Das Kapitel "Als italienische Kommunisten die Minett-Region bewohnten" zeigt eine Graphic Novel, die Irene Portas gemeinsam mit Lars Schönfelder und dem Zeichner Valentin von Uslar-Gleichen entwickelt hat. Der Bilderroman schildert die Erlebnisse von Luigi, einem italienischen Bergarbeiter, der im Minett lebt und arbeitet und sich eines Tages der kommunistischen Bewegung anschließt und dabei hilft, die kommunistische Zeitung "Il Riscatto" über die Grenze zu schmuggeln. Da Arbeitsmigranten solche politischen Aktivitäten verboten waren, wird er von der lokalen Polizei verfolgt und muss, um seiner Ausweisung zuvorzukommen, nach Belgien fliehen. Die fiktive Geschichte basiert auf Polizeiberichten aus Luxemburger Archiven und kommunistischer Propaganda. Die Verbindung dieser unterschiedlichen Quellen und die von Irene Portas konzipierte Geschichte lässt die Besucher in die Haut des Bergmanns Luigi schlüpfen und ermöglicht so einen neuen Blick auf die soziale und politische Geschichte der 1920er Jahre.

Die anderen Ausstellungskapitel erzählen viele weitere kleine und große Minett Stories. Es gibt eine weitere mehrteilige Graphic Novel zur Luftverschmutzung im Minett, interaktive Videos zur Konsumgeschichte, zum Escher Brillviertel und zur Tagebaulandschaft des Haard sowie Videoessays zur Frauenbewegung, zu Kleinkriminalität und über die in Vergessenheit geratenen Fotoserie "Biller aus dem Minett", die Ende der 1950er Jahre im Luxemburger Wort erschienen ist. Weitere Podcast, eine interaktive Karte zum Werk des Malers René Wampach und eine Reihe von historischen Essays runden die spannende Entdeckungsreise ab. Die Ausstellung ist dreisprachig (Französisch, Deutsch und Englisch) und rund um die Uhr unter https://minett-stories.lu zugänglich.

An der Mediathéik:

Zäithistoriker / / Denis Scuto
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