Seimsograph Michel Meyer (1950-2022)

Michel Meyer war Professor für Philosophie an der ULB, aber er war nicht nur Spezialist für Philosophie sondern auch für Rhetorik. Man muss nämlich wissen, dass es in Belgien und insbesondere an der Brüsseler ULB eine große Rhetorik-Tradition gibt.

Lukas Held

Lukas Held

Diese Tradition wurde in den 50er Jahren vom Philosophen und Juristen Chaïm Perelman initiiert, dessen Schüler Michel Meyer war. Nun ist das Wort Rhetorik ja oft recht negativ konnotiert - man sagt z.B., dass etwas nur rhetorisch gemeint sei, eine "rhetorische Frage" zum Beispiel. Oder man sagt despektierlich, dass jemand "nur" Rhetorik betreibt und meint damit, dass er oder sie nur heiße Luft produziert. Dabei ist die Rhetorik eine durchaus ernstzunehmende Wissenschaft und die "Première" heißt ja in Belgien auch nicht umsonst "Rhéto" also kurz für "Rhétorique" - früher war die Rhetorik fester Bestandteil der schulischen Ausbildung. Irgendwann wurde sie vom Programm gestrichen, weil man keinen Bildungswert mehr darin sah. Dabei wäre die Rhetorik als Wissenschaft in unserer heutigen Zeit sehr nötig.

Was ist Rhetorik?

Die Rhetorik ist die Wissenschaft von der persuasiven Rede, also von der überzeugenden Rede - und sie hat eine Tradition, die in die Antike bis zu den Anfängen der Philosophie reicht. Nun unterhielt die Philosophie schon immer ein recht konfliktuelles Verhältnis zur Rhetorik und das spätestens seit Sokrates. Es hieß, die "schöne Rede" vernebele den Blick auf die Wahrheit und führe den Denkenden in die Irre. Außerdem sei es verwerflich, dass einige kluge Geister, nämlich die sogenannten Sophisten, sich für ihre geschickten Reden bezahlen ließen. Denkern wie Sokrates und Platon waren diese Sophisten viel zu sehr damit beschäftigt, Zustimmung vom Publikum zu erlangen, anstatt sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen. Diese Kritik hat nicht nur unser Bild auf die Rhetorik maßgeblich geprägt, sondern auch unser Bild von Philosophie - oder zumindest das Bild, das viele Philosophen von sich selbst haben. Während die Rhetorik das Subjektive, die Meinung verkörpere, behandele die Philosophie das Objektive, die Wahrheit. Die Philosophie habe es mit dem Einen und dem absolut Sicheren zu tun, während die Rhetorik das Vielfältige und Unsichere behandele. Nun haben Denker wie Perelman und Meyer versucht, das Image der Rhetorik aufzupolieren. Sie weisen darauf hin, dass die Welt nicht nur aus harten Fakten besteht, sondern zu einem großen Teil aus Werturteilen, und dass man, um abzuwägen, welches Werturteil gültig ist, eine rhetorische Theorie braucht, die erklärt, warum uns einige Urteile mehr überzeugen, als andere. Wir sind hier also im Bereich der praktischen Philosophie unterwegs und ganz konkret bei der Frage, wie Argumentation funktioniert. Michel Meyer gibt davon eine - wie ich finde - sehr schöne Definition. Er sagt: Rhetorik ist die Verhandlung der Distanz zwischen den Subjekten. Manchmal versucht man diese Distanz zu verringern (wenn man gefallen will z.B.), oft versucht man aber auch, sie zu vergrößern (bspw. wenn man nicht einverstanden ist und Einwände anführt).

Ethos, Pathos, Logos

So gesehen ist eine Diskussion also ein Spiel von Distanzen, von Annäherung und von Entfernung. Nun gibt es für Meyer gibt drei grundsätzliche Instanzen in der Rhetorik, die sozusagen das rhetorische Dreieck bilden, nämlich ethos, pathos und logos. Mit ethos ist der Sprechende selbst gemeint, seine Überzeugungen, aber auch seine Autorität. Mit dem pathos bezeichnet Meyer das Verhältnis des Sprechenden zum Publikum, also die Leidenschaften, die durch die Rede generiert werden. Es ist die Instanz des Anderen. Und mit dem logos ist der Diskurs selbst gemeint, also die Message, das, an dem alle teilhaben können. Wenn eine der drei Instanzen überwiegt, dann kommt dabei ein ganz anderer Diskurs heraus, der auch einen ganz anderen Problemgehalt hat. Wenn ich mit jemandem über einen Film diskutiere, dann bewegen wir uns vor allem im Bereich des Pathos und das ist eigentlich unproblematisch, so lange es um nichts geht. Wenn ich mit Michel Delage darüber diskutieren müsste, z.B. hier im Radio, wäre die Situation eine andere denn es gäbe Publikum und sein Wort hätte mehr Gewicht aufgrund seiner Expertise. Dieser Problemgehalt steigert sich z.B. vor Gericht, dort gibt es zwar einen festen gesetzlichen Rahmen, also eine Art Logos, aber der ethos, also die Absichten der Sprechenden müssen geklärt werden - in manchen Ländern sogar vor einer Jury, weshalb auch das pathos einspielt. Und wenn wir darüber debattieren, ob eine Impfpflicht gerechtfertigt ist oder nicht, dann haben wir es mit einem höchst problematischen Diskurs zu tun, da hier die drei Instanzen zugleich sehr präsent und dominant sind: also maximaler pathos bei nicht gefestigtem logos und unklarem ethos. Genau mit diesen Problemen beschäftigte sich Michel Meyer. Oder besser gesagt: er beschäftigte sich mit den Fragen und Problemen selbst. Was macht eigentlich ein Problem zu einem Problem? Wie unterscheiden sich Probleme voneinander? Was ist vielleicht auch gar kein Problem, obwohl es wie ein Problem daherkommt? Welche Probleme erlauben welche Antworten, und warum genau diese? Darum geht es in Michel Meyers Problematologie die er in mehreren Werken theorisiert hat. Einfach mal reinlesen...

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