Seismograph Vor 100 Jahren: Tractatus logico-philosophicus

Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus" erschien vor 100 Jahren. Ein Werk, dass man weniger versteht als dass man es erlebt.

Lukas Held / cbi

Lukas Held

Wittgenstein und Heidegger

Vor 100 Jahren erschien die erste Edition von Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Das Werk gehört zu den wichtigsten der philosophischen Literatur des 20. Jahrhunderts, in seiner Bedeutung nur gleichzusetzen mit Martin Heideggers Sein und Zeit. So bedeutend, dass sich ausgehend von diesen beiden Werken die zwei großen und immer noch vorherrschenden Traditionen in der Philosophie gebildet haben.

Einerseits - mit Heidegger - die Kontinentalphilosophie, die eher in Europa praktiziert wird und andererseits die analytische Philosophie, die im anglophonen Raum bestimmend ist - wobei die Fronten heutzutage weniger verhärtet sind als früher. Die analytische Philosophie ist aus dem sogenannten linguistic turn hervorgegangen.

Darunter versteht man das Interesse der Philosophen für das Phänomen der Sprache, genauer gesagt für den Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Welt. Der analytische Philosoph fragt z.B. was eine Aussage zu einer "wahren" Aussage macht; ob man sagen kann, dass eine Zahl oder eine Eigenschaft wirklich existiert; und was eigentlich den Sinn eines Wortes ausmacht.

Ein bewegtes Leben

Ludwig Wittgenstein hat eine faszinierende Biographie. Er war der Spross einer der wohlhabendsten Familien Europas, besuchte gemeinsam mit Adolf Hitler die Grundschule, studierte Philosophie und Mathematik in Cambridge beim Philosophen Bertrand Russell, der große Hoffnungen für den jungen Österreicher hegte, mit dem er sich aber zerwarf.

Er kämpfte freiwillig im 1. Weltkrieg, wo er für besonderen Mut ausgezeichnet wurde, vermachte sein gesamtes Vermögen seinen Geschwistern, um sich danach von ihnen zu entfremden und und Volksschullehrer in einem entlegenen Alpendorf zu werden - wo er die schwachen Schüler aber dermaßen verprügelte, dass er den Schuldienst quittieren musste.

Er arbeitete dann auch noch Architekt, perfektionierte die Türklinke und wurde dann 1929 doch noch Professor für Philosophie. Den etwas hunderseitigen Tractatus logico-philosophicus, den er bereits 1918 fertiggestellt und 1921 publiziert hatte, reichte er dazu einfach noch einmal als Dissertation ein. Der Jury soll er bei seiner Verteidigung übrigens gesagt haben Don't worry, I know you'll never understand it. Damit hatte er wohl auch recht: das Werk ist so komplex, so unzugänglich und zugleich so tiefgründig, dass man wahrhaftig von einem Lektüreerlebnis sprechen kann. Den Tractatus erlebt man eher als dass man ihn versteht.

Unsinn!

Worum geht es nun? Es geht ganz allgemein um die Frage, was eine sinnvolle Aussage ist. Wittgenstein zufolge gibt es Aussagen, die sinnvoll sind, d.h. die Tatsachen abbilden, und Aussagen, die nicht sinnvoll sind, weil sie dies eben nicht tun. Wittgenstein zieht also eine Grenze in der Sprache, eine Grenze, die zwischen Sinnvollem und Unsinn unterscheidet.

Für Wittgenstein liegt der Grund für die meisten philosophischen Probleme nämlich weniger in der Sache selbst als in der Art und Weise, wie wir über diese Probleme sprechen - und auch denken. "Die Grenzen meiner Sprachen definieren die Grenzen meiner Welt", sagt Wittgenstein, denn Sprache bildet die Welt ab.

Oder besser gesagt: sollte die Welt abbilden - denn tatsächlich tut die Sprache das ganz oft nicht. Dann sagt sie Sachen, die sie eigentlich nicht sagen lassen, die nicht sinnvoll sind, weil sie keinen Anspruch auf Wahrheit erheben können - wie z.B. der Satz "Du sollst keine Tiere essen" oder "Du musst ein treuer Partner sein".

Schweigen

Man kann von diesen Geboten einfach nicht sagen, dass sie wahr oder falsch sind. Wirklich sagen lassen sich eigentlich nur wahre Sätze, das heißt Sätze aus dem Bereich der Naturwissenschaft, die man logisch analysieren kann, bei denen es eben um Tatsachen geht. Alles andere kann man nicht sagen - bzw. man kann es sagen, aber es macht keinen Sinn.

Das gilt laut Wittgenstein für die meisten philosophischen Probleme - was aber gar nicht bedeuten soll, dass er diese Probleme irgendwie verachtet. Au contraire: er findet sie unheimlich wichtig, muss sich aber eingestehen, dass er nichts Sinnvolles darüber sagen kann. Zitat Wittgenstein: "Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt." Und weiter: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Das ist der letzte Satz des Tractatus. Man könnte ihn so verstehen: nicht im hektischen Gerede und Geschreibe, sondern im Schweigen und in der stillen Kontemplation liegt die wahre philosophische Intuition.

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