Seismograph Unsere Kurzsichtigkeit

Mit dem Philosophen Lukas Held schauen wir auf auf die philosophische Aktualität. Dieses Mal beschäftigen wir uns mit der Zeit.

Simon Larosche / Lukas Held / cbi

Die Zeit
Symbolbild. Foto: Bigstock / Andrii_Z

Lukas Held: Simon, ich muss dich mal was fragen: kommt dir die Zeit, die seit dem Ausbruch der Covid-Pandemie vergangen ist, eher lang oder eher kurz vor? Ist die alte Ordnung für dich gefühlt eine Ewigkeit her, oder eher nicht?

Simon Larosche: Es fühlt sich zu lang an. Und wie sieht es für dich aus?

Also mir persönlichen scheinen Februar und März eine Ewigkeit her zu sein, und zugleich fliegen die die Wochen wirklich im nu vorbei, vor allem die Wochen im Confinement. Nun weiß man natürlich, dass Zeitwahrnehmung immer sehr subjektiv ist. Wer das nicht weiß und einmal selbst testen will, kann übrigens während dieser ganzen Chronik Situps machen, und am eigenen Leib erfahren, wie lang vier Minuten sein können.

Aber trotz aller Subjektivität scheinen viele Menschen momentan eine ähnliche Zeiterfahrung zu haben: die Gegenwart zieht sich wie Kaugummi, während die Vergangenheit erst wenige Wochen her zu sein scheint. Ich denke, dass die aktuelle Situation da aber nur symptomatisch wirkt und dass diese Zeiterfahrung eigentlich unsere Gesellschaft charakterisiert. Wir haben einfach keine Zukunft mehr.

Ok, das musst du aber jetzt wirklich genauer erklären.

Ich denke, dass das westliche Denken den Sinn für die Zukunft verloren hat. Der Historiker François Hartog führt das auf unseren "Präsentismus" zurück, wie er es nennt. Er meint damit, dass wir heute in einer Art permanenten Gegenwart verweilen, in der wir von Moment zu Moment, von Woche zu Woche leben. Der Gedanke, unser Leben in den Dienst eines weitläufigen Fortschritts, eines unsere eigene Lebenszeit überdauernden Projekts zu stellen, ist uns heute eigentlich völlig fremd geworden. Da aktualisieren wir lieber ständig den Liveticker unserer eigenen Existenz in Form von Posts, von Kommentaren, von Fotos und Nachrichten die sich allemal im Ether eines permanenten Präsens verlieren. Die Gegenwart ist nämlich die kürzeste Zeitform von allen und die Technologien, die wir benutzen, kennen leider nur diese Zeitform. Instas, Snaps, tweets, buzz - die Wörter zeigen schon an, dass es hier um eines geht, nämlich das Jetzt.

Du meinst also, dass wir vor lauter Gegenwart die Zukunft nicht mehr sehen?

Genau, dieser Präsentismus hat nämlich zur Folge, dass es uns heute schwerfällt, eine positive Sicht unserer eigenen Zukunft oder der Zukunft unserer Gesellschaft zu bilden und sie in den Dienst der Gegenwart zu stellen. Das nennt man klassischerweise eine Vision, und die fehlen heute sehr dringend. Es fehlt uns an Visionen, weil wir die Zukunft meist nur als die Verlängerung oder Bestätigung der Gegenwart denken.

Anders gesagt: wir denken die Zukunft von der Gegenwart aus, und nicht mehr die Gegenwart von der Zukunft aus. Um es noch einfacher zu sagen: wir sind unheimlich kurzsichtig geworden. Das wird überdeutlich, wenn man sich die politische und gesellschaftliche Reaktion auf die Covid-Pandemie betrachtet: wir ziehen uns in unsere Landesgrenzen zurück, wir drehen die autoritären Daumenschrauben wieder etwas enger und wir migrieren unser soziales Leben langsam aber nachhaltig in eine digitale Welt, die eben nur eine Zeitform kennt, nämlich den Präsens. Was dabei auf der Strecke bleibt ist die Frage, wohin wir wollen und in welcher Gesellschaft wir leben möchten.

Stichwort Covid: ist es denn nicht normal, dass man in Krisenzeiten schnell und kurzfristig entscheiden muss?

Doch, aber die Gefahr besteht, dass wir die Krise perennisieren, also verewigen. Was ist eigentlich eine Krise? Eine Krise ist, etymologisch gesehen, ein Moment der Ent-scheidung. Der Begriff kommt aus dem Bereich der Medizin und bezeichnet jene Momente, an denen der Arzt erkennt, ob eine Krankheit tödlich verläuft oder ob eine Heilung eintritt. Diese Momente rufen zum Handeln und zur Entscheidung auf. Wichtig ist aber, dass es immer ein danach gibt, eine Zeit nach der Krise, eine Zukunft, und nur von der aus gesehen hat die Entscheidung einen Wert. Wenn Entscheidungsträger aber keine Vision mehr haben, wenn sie die Zukunft nur von der Gegenwart aus denken anstatt die Gegenwart von der Zukunft aus, dann kann die Krise gar nicht überwunden werden, Denn dann wird eben nichts entschieden, sondern nur reagiert.

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