Seismograph Kann man nicht wollen?

Für Spinoza ist sie die Affirmation des Lebens, für Schopenhauer der Ausdruck eines Mangels: die Begierde. Wir alle begehren - manchmal sogar zu viel und zu oft. Sollte man der Begierde Grenzen setzen - und kann man das überhaupt?

Lukas Held / cbi

Lukas Held
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Muss man sein Begehren einschränken? Hinter dieser Frage steckt eine weitere, vielleicht sogar etwas kniffligere Frage: kann man sein Begehren überhaupt einschränken? Denn das Begehren gehört offensichtlich zu unserer menschlichen Natur.

Wir wollen ständig etwas, und insbesondere wollen wir unsere Begierde befriedigen. Das hat ganz klar physiologische Gründe, die mit der Belohnungsstruktur unseres Gehirns zu tun haben. Wenn wir eine wohlige Erfahrung machen, möchten wir diese Erfahrung wiederholen, weil wir uns dabei gut fühlen.

Schuld daran ist das Dopamin, das - je nach Erfahrung - ziemlich über die Stränge schlagen kann, z.B. wenn man verliebt ist, gewisse Drogen konsumiert, Sex hat, aber auch schon, wenn man gelobt wird, geliked wird. Soziale Netzwerke triggern dieses Gefühl ganz bewusst, weshalb man auch danach süchtig werden kann.

Spinoza: Das Streben ist der Motor unserer Existenz

Es gehört aber mehr zum menschlichen Wollen, als nur dessen Befriedigung. Wir wollen nämlich nicht nur die Befriedigung, wir wollen das Wollen. Wir empfinden eine gewisse Lust an dieser unerfüllten Begierde, solange sie andauert.

Das Wollen ist dabei ein Zeichen unseres Lebendig-Seins. Das ist kein neuer Gedanke. Bereits für den neuzeitlichen Philosophen Spinoza lag das Wesen des Menschen im conatus. Damit meinte er das Streben eines jeden lebendigen Wesens, sich selbst zu behaupten.

Der Mensch ist sich - im Gegensatz zu den anderen Lebewesen - seines Strebens bewusst. Deshalb wird es bei ihm zur Begierde.

Dieser conatus, dieses ständige Streben ist ganz eigentlich der Motor unserer Existenz, es ist die Dynamik des Lebens, das uns durchzieht, es ist ein ständiges Pulsieren, das uns vorantreibt, das uns weitermachen lässt und in dem wir uns unserer Existenz bewusst werden. Im Wollen bin ich mir selbst anwesend.

Schopenhauer: Mängel befriedigen

Aber - und das ist die Kehrseite dieser dynamischen Sicht auf das Begehren - wenn es erfüllt ist, dann stellt sich ein Gefühl der Leere ein. Man kann das Wollen schließlich auch negativ definieren - als eine Abwesenheit, als einen Mangel, als eine Leere, die es eben durch das Wollen zu füllen gilt.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer ging so weit zu behaupten, dass das Wohlsein, also das Glück, nur die Abwesenheit von Unglück sei, da man Dinge wie Gesundheit, Freiheit und eben auch Glück nur negativ erfahren kann - also wenn man sie nicht hat. "Große, lebhafte Freude läßt sich schlechterdings nur denken als Folge großer vorhergegangener Noth" - schreibt Schopenhauer.

Er setzt also das Wollen, den Wunsch, das Verlangen mit dem Mangel gleich. Was gewinnt man also, wenn man diesen Mangel befriedigt? Man ist dann eigentlich nur wieder an Anfangspunkt angekommen - nämlich an den Punkt, an dem man eben nichts wollte, also keinen Mangel hatte.

Wäre es da nicht besser, nicht zu begehren? Wenn die Begierde nur die Befriedigung eines Mangels ist, dann wäre es tatsächlich besser, diesen gar nicht erst auftreten zu lassen. Aber kann man das überhaupt? Wir sind hier wieder bei der Ausgangsfrage, bei der Frage, ob man seine Begierden beherrschen kann.

Epiktet: Das Richtige wollen

Kann man weniger wollen, kann man vielleicht sogar gar nicht wollen? Für einen Stoiker wie den antiken Philosophen Epiktet geht es vor allem darum, das Richtige zu Wollen. Das heißt eben nicht das zu wollen, was nicht in meinem Ermessen, was nicht in meiner Reichweite und Macht liegt. Denn wer will, was man nicht haben kann, wer will, was nicht von einem selbst abhängt, der wird sich selbst unglücklich machen. Das liest sich sehr leicht, ist aber sehr schwer in die Tat umzusetzen.

Jeder von uns weiß, wie schwer es ist, das Richtige zu wollen. Nicht nur das Richtige, sondern auch im richtigen Maß und zur richtigen Zeit. Oder sollten wir, wiederum mit Schopenhauer, sagen: "Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen, was er will." Das bedeutet uns einzugestehen, dass wir keinen Einfluss auf unser Wollen haben, wohl aber darauf, ob wir diesen Willen auch in die Tat umsetzen.

Albert Einstein sagte einmal, dass ihn dieser Satz Schopenhauers in "allen Lebenslagen" begleitet und ihn "mit den Handlungen der Menschen [versöhnt], auch wenn sie mir recht schmerzlich sind". Wir können Einstein darin folgen und versuchen, uns mit den Irrwegen unseres Begehrens und letztlich auch mit uns selbst versöhnen.

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