Seismograph Einsamkeit

Aktuelle Studie zeigen, dass immer mehr Menschen sich einsam fühlen ... und dass, obwohl sie inmitten unzähliger Menschen leben. Einsamkeit ist eben nicht dasselbe wie alleine sein - was auch schon der antike Stoiker Epiktet erkannt hatte. Aber wie kann man die Einsamkeit überwinden?

Lukas Held / cbi

Einsamkeit
Illustratioun: Bigstock / Drawlab19

Sind Philosoph:innen einsame Menschen?

Ein Eremit ist ein Mensch, der abgeschieden von anderen Menschen in Einsamkeit lebt. Es gibt heutzutage wohl nicht mehr allzu viele Eremite - aber das Gefühl der Einsamkeit, das ist geblieben. In Deutschland fühlen sich Umfragen zufolge 15 Prozent der Bevölkerung einsam - und das, obwohl sie mitten unter Menschen leben. Das hat auch Folgen für die Gesundheit.

Laut einer kürzlich in den USA publizierten Studie ist Einsamkeit bspw. gesundheitsschädigender als das Rauchen. Wer sich einsam oder unglücklich fühlt - so die Studie - altert biologisch schneller. Wie verhält sich die Philosophie zum Thema Einsamkeit. Sind Philosoph:innen einsame Menschen?

Philosophen wird oft nachgesagt, dass sie in einem Elfenbeinturm leben, also einsam und abgeschieden - vielleicht auch etwas abgehoben? Muss man sich aus der Gesellschaft zurückziehen, um über sie nachdenken zu können?

Montaigne und Descartes

Dieser Topos der Isolation und der Distanznahme von der Welt, diese Idee des Rückzugs, all das findet man tatsächlich bei ganz vielen Philosoph:innen. Ich denke da z.B. an Michel de Montaigne, den französischen Denker des 16. Jahrhunderts, der sich bekanntlich zum Schreiben in den höchsten Turm seines Schlosses zurückzog und dort die meiste Zeit seines Lebens verbrachte.

Ich denke insbesondere auch an seinen Landsmann René Descartes, der 1629 nach Holland zog und dort 18 Jahre relativ abgeschieden lebte. In diesem Exil hat er dann auch den Discours de la méthode verfasst (den der ein oder andere vielleicht noch aus der 1ère kennt).

Er sagte selbst über sein Leben in Holland: "ici, en Hollande, j'ai pu vivre aussi solitaire et retiré que dans les déserts les plus écartés". Descartes ging nach Holland, weil das geistige Klima dort etwas liberaler war, als in Frankreich.

Aber er wollte sich auch aus der Welt zurückziehen, er wollte sich isolieren. Es scheint so, als müsse man sich aus der Welt zurückziehen, um sie zu verstehen.

Der einsame Philosoph - das Bild passt nur teilweise

Es gibt ja aber auch die Philosoph:innen, die in die Straße gehen, die nah beim Volk sind, die vom Volk aus denken. Nehmen wir z.B. Sokrates, der sich ja bekanntlich viel auf Athens agora, also dem großen Marktplatz herumgetrieben hat, und dort versucht hat, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Sokrates verkörpert wirklich das Ideal des Philosophen, der von den Menschen ausgeht und versucht, im Dialog mit den anderen zu Wissen zu gelangen. Aber auch Sokrates ist letztlich ein einsamer Mensch, denn seine Ironie und sein ständiges Infrage-Stellen des Wissens der anderen kam natürlich nicht gut an bei all denen, die sehr überzeugt von sich waren. Und das sind - damals wie heute - meistens die Leute, die viel Macht haben.

Deshalb wurde er zum Tode verurteilt. Hier sieht man ein weiteres Bild der philosophischen Einsamkeit: die Philosoph:innen finden keinen Anschluss an die Gesellschaft, weil sie sich querstellen, weil sie den anderen ein Dorn im Auge sind und das in Frage stellen, was anderen selbstverständlich scheint.

Descartes sucht willentlich die Einsamkeit, um von dem, was um ihn herum ist, Abstraktion machen zu können, und so zum Wesentlichen zu gelangen. Sokrates hingegen wird in die Einsamkeit und letztlich in den Tod getrieben, weil er unangenehme Fragen stellte.

Alleine, und dennoch nicht einsam

Tatsächlich muss man wohl zwischen Einsamkeit und Alleinsein unterscheiden. Hier kann uns der antike Stoiker Epiktet helfen. Der schrieb in seinen Diatriben, dass die Einsamkeit der Zustand eines Menschen ist, dem niemand mehr helfen kann. Ich finde das eine sehr schöne Definition.

Wenn man einsam ist, dann fehlt einem Epiktet zufolge jemand, dem man vertrauen kann, der rücksichtsvoll ist, kurz gesagt: jemand, dem man selbst etwas bedeutet. Wenn man Einsamkeit so definiert, dann kann man auch einsam sein, obwohl man inmitten vieler Menschen lebt. Isolation hingegen bezeichnet den Umstand, ganz allein zu sein. Nun sagt uns Epiktet, dass man auch isoliert leben kann - und dennoch nicht einsam sein muss. Dazu muss man lernen, sich selbst zu genügen.

Sich selbst genügen

Das ist natürlich einfacher gesagt als getan. Epiktet sagt uns, dass wir über unser Verhältnis zu allem nachdenken müssen. Das ist ziemlich vage und kryptisch, macht aber Sinn im Kontext seines Denkens.

Für Epiktet rührt das Leid der Menschen daher, dass sie ständig Dingen nachjagen, die sie nicht haben können und sich über Umstände aufregen, die sie nicht beeinflussen können. Wie zum Beispiel über Krankheit, über das Wetter, über den Neid anderer Menschen, usw.

Das meiste, was uns beschäftigt, liegt tatsächlich außerhalb unseres Einflussbereichs. Dazu gehören auch die anderen Menschen und deren Meinungen. Wenn wir uns nun aber abhängig machen von den anderen, wenn ihre Meinung und ihr Urteil einen zu großen Stellenwert in unserem Leben bekommen, dann gehören wir uns nicht mehr selbst, dann verlieren wir uns - dann sind wer eben nicht mehr selbstgenügsam.

Und eben dann verfallen wir der Einsamkeit. Deshalb sind populäre Menschen ja auch oft unheimlich einsam: weil sie sich nicht selbst genügen können. Und unendlich unglücklich obendrein, weil sie von den anderen Menschen abhängen. Und deshalb muss man sich isolieren, sagt Epiktet. Nicht um einsam zu sein, sondern gerade eben, um zu lernen, nicht mehr einsam sein zu müssen.

Wenn man das Wort "Einsamkeit" hört, dann denkt man an Leute, die den ganzen Tag mit niemandem sprechen, die alleine leben, usw. Aber was ist mit all denen, die einsam sind, und denen man es nicht anmerkt; die einsam sind, weil sie zu sehr von den anderen und deren Meinungen abhängen? Das ist eine sehr viel perfidere Form der Einsamkeit - und mir scheint dass in unserer Gesellschaft leider alles darauf angelegt ist, diese Einsamkeit zu verstärken.

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