Seismograph Edmund Gettier (1927-2021)

Gettier war die meiste Zeit seines Lebens Professor für Philosophie und zählt zu den einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts - und das, obwohl er in seiner ganzen Karriere genau zwei Artikel und eine Rezension veröffentlicht hat. Bemerkenswert angesichts der heutigen Publikationsflut, wie Lukas Held feststellt.

Lukas Held / Simon Larosche / tt

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Lukas Held: In Frankreich werden jedes Jahr um die 68 000 Bücher neu veröffentlicht. In Deutschland sind es im Schnitt ungefähr 70.000 neue Titel. In den USA liegen die konservativsten Einschätzungen bei rund 600.000 Titeln pro Jahr - davon sind aber auch viele self-published. Und laut UNESCO erscheinen weltweit jedes Jahr rund 2,2 Millionen neue Titel.

Simon Larosche: Da ist dann aber alles mit drin, also alle Formen von Literatur...

Ja, genau Romane, Kinderbücher, Handbücher, Kochbücher, etc. und eben auch Fachliteratur. Man geht davon aus, dass es rund 30.000 wissenschaftliche Zeitschriften gibt, in denen jedes Jahr rund 2 Millionen Artikel erscheinen. Jedes Jahr!

Für die Philosophie gibt es da leider keine genauen Daten, aber - ich habe mir mal die Mühe gemacht zu zählen - seit Januar diesen Jahres sind allein in französischer Sprache rund 360 neue Titel im Bereich Philosophie erschienen. Dazu zählen natürlich auch Neuedition von Klassikern, aber eben auch Journals und viele Monografien. Kurz - die Produktion ist enorm.

Und auch nicht ganz unproblematisch, denn das credo publish or perish, also publiziere oder stirb, ist weiterhin das Dogma an Universitäten und Hochschulen. Wenn man dort Karriere machen will, dann muss man eben publizieren. Das ist nicht nur katastrophal für die mentale Gesundheit z.B. der Doktoranden, sondern auch kontraproduktiv, denn - das muss man einmal so sagen - akademische Exzellenz ist nicht gleichzusetzen mit der Anzahl an Veröffentlichungen.

Ich habe da ein gutes Beispiel. Simon, hast du schon einmal von Edmund Gettier gehört?

Ehrlich gesagt noch nicht.

Edmund Gettier ist vor rund einem Monat verstorben, im Alter von 93 Jahren. Gettier war die meiste Zeit seines Lebens Professor für Philosophie an der Universität Massachusetts und zählt zu einem der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts - und das, obwohl er in seiner ganzen Karriere genau zwei Artikel und eine Rezension veröffentlicht hat. Und der Artikel, der ihn berühmt gemacht hat, ist tatsächlich nur 3 Seiten lang. 3 Seiten, die es natürlich in sich hatten, aber dennoch eben nur 3 Seiten.

Ich finde das wirklich bemerkenswert. Gettier publizierte diese 3 Seiten übrigens auch nur, weil er aus vertragstechnischen Gründen etwas publizieren musste.

Was steht denn in diesen 3 Seiten?

Dort formulierte er ein Gedankenexperiment, das als das Gettier-Problem seitdem viel Tinte hat fließen lassen. In a nutshell geht es um die Frage "Was ist Wissen?". Die klassische Definition von Wissen besagt, dass Wissen eine wahre, gerechtfertigte Meinung ist. Wenn ich nur eine Meinung von etwas habe, ist das noch kein Wissen. Wenn ich zum Beispiel meine, es gäbe Goblins in Lorentzweiler, dann ist das eine falsche Meinung, weil sie nicht der Wahrheit entspricht (da es keine Goblins gibt). Außerdem muss eine Meinung gerechtfertigt sein. Wenn ich sage, Simon, dass du zu Hause 3000 Schallplatten besitzt, dann ist das kein Wissen, da ich keine Rechtfertigung dafür habe. Wenn ich jetzt hingehen würde und deine Schallplatten zählen würde, dann hätte ich eine gerechtfertigte Meinung darüber, wieviele Schallplatten du besitzt. Also: um zu wissen, muss man eine Rechtfertigung für eine wahre Meinung haben. Folgst du noch?

Ja? Und was sagt Gettier dazu?

Gettier zeigt in seinen 3 Seiten, dass diese Annahme nicht immer zutrifft. Wenn ich z.B. in einen Raum trete und eine Uhr sehe, auf der 10h angezeigt ist, dann kann ich annehmen, dass es gerade 10h sind, denn Uhren zeigen ja die korrekte Zeit an. Nehmen wir einmal an, es ist dann auch tatsächlich 10h. In dem Fall habe ich eine wahre und berechtigte Meinung, dass es 10h sind. Aber nehmen wir einmal an, die Uhr ist vor einigen Wochen stehen geblieben und zeigt permanent 10h an. In dem Fall sind zwar eigentlich alle Kriterien für Wissen erfüllt, aber niemand würde sagen, dass ich weiß, dass es 10h sind, da ich ja durch Zufall zu dieser Einsicht gekommen bin Got it?

Ja, ich denke schon.

Es gibt also Fälle - und das ist das Resultat von Gettiers Text -, in denen eine wahre und gerechtfertige Meinungen eben kein Wissen ist. Oder anders gesagt: man kann falsch liegen, und trotzdem recht haben, bzw. recht haben und trotzdem falsch liegen. Eine jahrtausendealte Annahme wurde widerlegt - oder doch zumindest in Frage gestellt.

Ok... und das alles auf 3 Seiten.

Ganz genau. Ich persönlich sehe darin eine gewisse Schönheit, nicht nur angesichts der stetig schwellenden Publikationsflut, sondern auch in der philosophischen Haltung, die hier durchscheint. Nämlich die, eben keine eigene Position zu haben, keine eigenen Thesen zu vertreten, ja eigentlich kein "Werk" zu haben. Und ich frage mich: ist es nicht erstrebenswerter, eben wie Gettier für ein Problem bekannt zu werden, anstatt für eine weitere Antwort?

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