Prisma Autopsie des Shoppingcenters

Architektur ist niemals neutral, sondern immer Ausdruck einer gewissen Vorstellung vom Menschen und von der Gesellschaft. Das lässt sich ganz gut am Beispiel des Shopping-Centers darstellen, von denen es in unserem Land bekanntlich immer mehr gibt. Lukas Held wagt den Versuch einer Autopsie des Shopping-Centers um zu verstehen, was dieser Ort mit den Menschen macht, die ihn betreten.

Lukas Held

Lukas Held

Monaden auf Shoppingtour

Das Shoppingcenter befindet sich in der Peripherie der Stadt, in jener Außenzone, in der es neben Fast-Food-Restaurants, Motels und Tankstellen vor allem viele Leere gibt. Suburbia nennen die Amerikaner diese Zone, und ihre wesentliche Eigenschaft besteht darin, dass man sich in ihr meist nur mit dem Auto fortbewegt. So kommt es, dass ein Shoppingcenter ohne dazugehöriges Parking praktisch undenkbar ist: "no parking, no business" heißt die Devise.

Insofern sich das Parkhaus meist direkt unter der Shoppingmall befindet, ist der Übergang zwischen Autofahrt und Shoppingtour kaum merklich. Das bedeutet, dass man das Shopping-Center auf dieselbe Art und Weise betritt, wie man sich durch den Straßenverkehr schlängelt, nämlich selbstgenügsam, monadisch, auto-mobil, also gleichgültig gegenüber all den Anderen, deren Präsenz wenn überhaupt, dann als Belastung empfunden wird.

Während ältere Shopping-Malls sich hinter ihren uniformen Fassaden der Außenwelt völlig verschließen, wirken neuere Malls mit ihren gläserenen Fronten wesentlich einladender. An diesem Unterschied wird ein Paradigmenwechsel in der Konzeption der Einkaufstempel offenbar. Früher präsentierte sich das Shoppingcenter als Symbol seiner selbst, als Verweis auf das Geschehen hinter den Mauern, und dazu genügte meist nur das Logo der Einkaufskette oder schlicht der Caddy, das Universalsymbol des Shoppens.

Kaufen als Erlebnis

Heutzutage konkurrieren nationale und internationale Ketten um die Aufmerksamkeit der potentiellen Käufer, denen sie eine besondere Erfahrung bieten müssen. Mit dem Aussehen der Shoppingcenter hat sich nämlich auch die Definition des Einkaufs verändert: der Einkauf dient nicht mehr nur dem Auffüllen der Lebensmittelreserven - nein, der Einkauf soll ein Erlebnis sein, am besten für die ganze Familie, und das in einem besonders stimmungsvollen und aufregenden Rahmen.

Ein "Shopping-Erlebnis" ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, denn "erleben" im Sinne von "etwas Neues erfahren" kann man an diesem Ort nichts. Das vermeintliche Erlebnis ist vielmehr ein von Architekten, Psychologen und Designern bis in das kleinste Detail entworfener Rundgang, auf dem Kunden an möglichst vielen Geschäften und Produkten vorbeikommen, das ganze untermalt von debiler Instrumentalmusik.

Ob angezogen von ausgeklügelten Beleuchtungen und bunten Schaufenster oder angeregt durch verschiedene Gerüche, vom aufdringlichen Parfum über den Geruch neuer Schuhe bis hin zur verlockenden Waffel - das Shopping-Erlebnis ist vor allem eine Stimulation unserer niedersten Sinne. Der Kunde darf dabei niemals den Eindruck gewinnen, zu etwas gezwungen zu werden, sondern soll sich in der Illusion wägen, sich völlig frei durch einen offenen und öffentlichen Raum zu bewegen. Das private Sicherheitspersonal verhält sich gerade so diskret, dass das Gefühl von Sicherheit nicht in Überwachung umschlägt. Und anders als in der Einkaufsstraße begegnen einem hier auch keine lästigen Bettler, die die Shopping-Ego-Blase platzen lassen könnten.

Buy one, give one

In Wahrheit ist der Kunde nämlich längst in den Modus des Bummelns übergegangen, also des ziellosen, aber fremdbestimmten Herumspazierens. Die strategisch platzierten Topfpflanzen, das ein oder andere Wasserspiel oder ein Panoramapunkt vermitteln den Eindruck, dass sich der Bummler auf einem Spaziergang befindet. Aber Achtung: der Bummler hat nichts gemeinsam mit dem von Apollinaire und Benjamin beschriebenen, dandyhaften flâneur des frühen 20. Jahrhunderts. Der ging zwar mit der Masse mit und ließ sich von ihr treiben, nahm aber zugleich kritische Distanz zu ihr und strebte bei alldem immer die interesselose, ästhetische Erfahrung des Alltäglichen an. Ganz anders der Bummler, der weder Ästhet noch kritischer Geist ist. Die Ziellosigkeit des Schaufenster-Bummelns bietet keinen Anreiz zur Gelassenheit oder zur Introspektion, sondern wird zum Bedarf umgekehrt. Mit anderen Worten: im Shopping-Center wird aus dem einfachen Da-sein ein Brauchen, aus Neugierde wird Wollen, und aus Freiheit wird Notwendigkeit. Der Bummler braucht nichts, und will dennoch immer mehr. Nirgendwo ist die Distanz zwischen der Bedürfnisentstehung und deren Befriedigung so kurz, wie in der Shopping-Mall.

Das Kapital verwendet viel Geld, Energie und Kreativität darauf, dem Konsumenten zu verschleiern, dass er ein Konsument ist. Denn in Zeiten von Plastikverboten, Artensterben und Waldbränden umgibt den Konsum die Aura des Sündigen, des Frivolen, ja sogar des Lasterhaften. Der Kunde muss also zunächst von seinen Bedenken und Zweifeln befreit werden, bevor er weiter einkaufen kann. So kommt es, dass der Kunde Tiger rettet, wenn er drei Packungen Tee kauft, dass arme Kinder ein Paar Schuhe erhalten, wenn er ein neues kauft. Sogar Frauenrechte kann er stärken, indem er einen Lingerie-Gutschein ersteht. Das Motto lautet Buy one, give one, und bedeutet nichts anderes, als dass hier mit der Sünde automatisch deren Absolution erteilt wird. Um Brechts berühmten Satz umzuwenden - der Kunde vergewissert sich seiner Moral, um sich wieder ganz dem Fressen widmen zu können.

Das Shopping-Center: die Farce einer Stadt

Auffällig an neueren Shopping-Malls ist ihr Versuch, einer Stadt gleichen zu wollen. So ist es zumindest in unserem Land selbstverständlich, dass man nicht nur seine Bank- und Postgeschäfte, sondern auch seine Reisebuchung, seine Brillengläser und seine Frisur an ein und demselben Ort regeln kann. Das bindet die Kunden natürlich langfristig an das Shopping-Center, und eben das entleert die eigentlichen Städte. Die werden im Shopping-Center durch falsche Fassaden, künstliche Piazzas mit angrenzenden Cafés und behaglich wirkende Sitzmöglichkeiten imitiert. Es ist eben diese Penetranz, mit der hier Gemütlichkeit und Öffentlichkeit vermittelt wird, die den kritischen Geist aufhorchen lässt. Wenige Minuten in einem solchen Shopping-Center-Sessel genügen, um zu merken, dass dieser nicht nur so unbequem ist, dass man nach fünf Minuten weiterbummeln will, sondern auch so ausgerichtet wurde, dass ein Gespräch unmöglich ist. Alles, was vom Konsum ablenkt, alles, was zum Verweilen einlädt, alles, was Fragen aufkommen lassen könnte, wird hier im Keim erstickt.

Am Shopping-Center erkennt man, was eine aufregende und lebendige Stadt ausmacht, nämlich Spontaneität, Offenheit und Öffentlichkeit, Kostenloses, der Eindruck von Möglichkeiten, Gemeinschaft, aber auch Gefahren und Irrwege. Dem Shopping-Center fehlt all dies, und insofern ist es eine Anti-Stadt, eine tote Stadt. Umso bedenklicher ist die Tatsache, dass unsere Innenstädte immer mehr solchen Shopping-Centern gleichen, mit ihren immergleichen Geschäften, Restaurantketten, Parkings und Pseudo-Gemeinschaftsplätzen. Architektur ist niemals neutral, sondern immer Ausdruck einer Vorstellung von der Gesellschaft und vom Menschen. Man fragt sich, welche Art von Mensch in unseren Städten leben soll.

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