Seismograph Zeitgeist - Der neue Realismus

Der sogenannten "Neuen Realismus", eine erkenntnistheoretische Position, ist in den 2010er Jahren entstanden ist und seitdem weite Kreise gezogen.

Lukas Held / Simon Larosche / cbi

Lukas Held
Der Philosophe Lukas Held. Foto: Archiv

Simon Larosche: Du stellst uns heute eine zeitgenössische philosophische Denkrichtung vor.

Lukas Held: Genau. Ich will hier ja aus der Aktualität der Welt der Philosophie berichten, wozu eben auch aktuelle Denkrichtungen gehören. Heute geht es um den sogenannten "Neuen Realismus", eine erkenntnistheoretische Position, die in den 2010er Jahren entstanden ist und seitdem weite Kreise gezogen hat.

Worum geht es denn beim "Neuen Realismus"?

Die Ausgangsfrage lautet: "Existiert die Welt unabhängig von unseren Vorstellungen von der Welt?" Dazu haben sich im Laufe der Jahrhunderte zwei große Positionen herauskristallisiert, der Realismus und der Idealismus. Die Realisten sagen: ja, die Welt existiert unabhängig vom Subjekt, das die Welt erkennt.

Die Idealisten behaupten das Gegenteil und sagen: nein, das Denken konstruiert die Welt, weshalb sie nicht unabhängig von unseren Vorstellungen existiert. Irgendwann radikalisierte sich der Idealismus zum Konstruktivismus, demzufolge unsere Erkenntnis von der Welt "konstruiert" ist. Das brachte Nietzsche auf die schöne Formel: "Es gibt keine Tatsachen, sondern nur Interpretationen".

Eben dieser Relativismus ist der Stein des Anstoßes für den "Neuen Realismus". Die Neuen Realisten merken an, dass so absurde Dinge wie "alternative facts" sowie die populistische Rede von "fake news" eine direkte Konsequenz dieser konstruktivistischen Denkweise sind, die aus Tatsachen Interpretationen gemacht hat. Sie schlagen vor, die real existierende Welt mit dem betrachtenden Subjekt zu "verbinden", denn sie sagen: es gibt die Wirklichkeit, und sie ist nicht abhängig von uns.

Und es gibt daneben auch unsere Perspektiven auf die Wirklichkeit. Beide - die Wirklichkeit und unsere Sicht auf sie - haben dieselbe Wertigkeit, also besteht hier "kein" entweder-oder.

Das ist etwas abstrakt, kannst du uns da vielleicht ein Beispiel geben, um das etwas anschaulicher zu machen?

Ja klar! Wie wir alle wissen, gibt es aktuell leider Kriege, nicht hier, aber anderswo. Die grauenvollen Geschehnisse, die mit dieser Tatsache verbunden sind, ebenso wie die komplexen politischen oder kulturellen Zusammenhänge, die zu Kriegen führen, sind selbst auch Tatsachen.

Nun kann man diese Zusammenhänge je nach Perspektive anders interpretieren und also den Krieg gerechtfertigt oder ungerechtfertigt finden, oder vielleicht gar darin keinen Krieg sehen. Der Clou ist, dass diese Interpretationen selbst auch wieder Tatsachen sind. Dass wir eine perspektivische Sicht auf Kriege haben, bedeutet eben nicht, dass es die Kriege nicht an sich gibt, ebenso wenig wie es bedeutet, dass eine Perspektive wichtiger oder "wirklicher" ist als eine andere.

Es gibt die Wirklichkeit ebenso wie es unseren Perspektiven auf sie gibt - und dadurch, dass wir allemal Zugang zur Wirklichkeit haben, können wir unsere eigenen Perspektiven mit denen anderer vergleichen, wir können argumentieren und debattieren und wir können sie mit der Wirklichkeit abgleichen - und dann bestimmen, welche Position die besser funktionierendere ist.

Du hast ja jetzt eher von Erkennen gesprochen, aber gibt es auch politische oder ethische Konsequenzen dieser Theorie?

Ja, z. B. wehren sich die Neuen Realisten gegen Diskurshegemonie, also die Auffassung, dass "eine" Sicht auf die Welt vorherrschend ist - wie heutzutage z. B. die Naturwissenschaften, die zwar pertinente Aussagen über den Ursprung des Universums machen können, aber unfähig sind, zu erklären, warum das Leben wertvoll ist oder was ein gutes Leben ausmacht.

Die aktuelle Pandemie zeigt, dass der wissenschaftliche Diskurs Hegemonie in allen Bereichen der Wirklichkeit beansprucht, obwohl er in den meisten Bereichen absolut inkompetent ist, z. B. in gesellschaftspolitischen oder in ethischen Bereichen. Eben darum geht es beim Neuen Realismus: die Perspektiven auf die Wirklichkeit sollen ernst genommen werden, ohne dass man dafür die Wirklichkeit aufgeben müsste.

Also nein, der Virologe hat keine Antwort auf die Frage, was ein lebenswertes Leben ist. Das bedeutet aber nicht, dass er gar nichts zu sagen hat. Und es bedeutet auch nicht, dass es kein Virus gibt.

So und wer jetzt Interesse daran hat, dem empfehle ich Markus Gabriels Buch "Fiktionen", das kürzlich im Suhrkamp Verlag erschienen ist.

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