Seismograph Was ist Willensschwäche?

Schon Sokrates setzte sich mit dem Problem der Willensschwäche, mit der sogenannten akrasia auseinander. Aber was ist eigentlich Willensschwäche? Und warum ist es so schwer, dagegen anzugehen?

Lukas Held

Lukas Held

Es ist zum Verrücktwerden: man weiß, was gut für einen ist, man weiß was man eigentlich machen sollte, und handelt dennoch nicht dementsprechend. Gibt es eigentlich etwas, das menschlicher ist, als die Willensschwäche? Man tut etwas, obwohl man weiß, dass es schlecht für einen ist; man tut etwas, das man eigentlich gar nicht tun will, und dann aber trotzdem tut, weil man es irgendwie doch will.

Und genau das ist der springende Punkt: was will man eigentlich, wenn man willensschwach ist? Was ist eigentlich Willensschwäche? Diese Frage ist so alt, dass sich interessanterweise sogar schon Sokrates damit befasst hat. Bei den alten Griechen hieß die Willensschwäche akrasia - und eben Sokrates behauptete von ihr, es gäbe sie streng genommen gar nicht.

Was ist Willensschwäche?

okrates war nämlich der Meinung, dass, wenn man weiß, was gut für einen ist, man dies immer auch in die Tat umsetzt, weil das Gute der Handlungsgrund ist. Jemand, der z.B. eine Süßigkeit isst, obwohl er oder sie Wert auf die eigene Gesundheit legt, hat nach Sokrates eben kein richtiges Verständnis von der Schädlichkeit des Süssigkeitenessens für die Gesundheit. Für Sokrates - und das ist eine sehr griechisch-antike Weltsicht - leitet die Erkenntnis unser Handeln, nicht die Lust.

Also Willensschwäche im Sinn von "ich wurde von der Lust übermannt" oder "ich konnte nicht anders" - gibt es für ihn nicht. Nein, wenn man etwas weiß, dann handelt man dementsprechend, und wenn man falsch handelt, dann weiß man es eben nicht besser. Das wirkt etwas komisch, denn so vieles in unserem Leben spricht gegen diesen Befund. Er wurde dafür auch schon von seinen Zeitgenossen kritisiert, bspw. von Aristoteles.

Für Aristoteles liegt jedem Handeln ein Kalkül voraus. Nehmen wir das Beispiel der Süßigkeit: man bietet dir, eine Süßigkeit an. Du weißt, dass sie nicht gut für deine Gesundheit ist. Du hast den Willen, gesund zu leben. Also solltest du diese Süßigkeit ablehnen. Aber: du hast sehr große Lust auf diese Süßigkeit. Wenn du jetzt widerstehst, dann beweist du Willensstärke, wenn du nachgibst dann bist du willensschwach. Und das bist du auch, weil dein Wunsch nach Gesundheit, weil dein Handlungsmotiv wirklich nicht abstrakt oder schwer zu realisieren ist.

Wenn du jetzt z.B. auf die Süßigkeit verzichten willst, weil du bis morgen früh 8 Kilo abnehmen willst oder weil du die nächste Triathlon-Weltmeisterin werden willst, dann ist das ein unrealistischer Wunsch und daher nicht ernst zu nehmen. Dann wirst du wohl auch nicht verzichten. Aber - und das ist der springende Punkt - wenn du einen konkreten Handlungsvorsatz bzgl. eines realistischen Ziels hast und dir dabei kein Hindernis im Weg steht, dann solltest du dementsprechend handeln. Wenn du also die Süßigkeit isst, obwohl du gesund leben willst, dann muss man daraus schließen, dass du den Vorsatz gesund zu leben eigentlich nie richtig hattest, da dir dazu ja wirklich nichts im Weg steht. Das Argument der Willensschwäche dreht also im Kreis: wenn man etwas will, und dies auch tun kann, gibt es keine Erklärung dafür, warum man es nicht tun sollte.

Die Realität sieht aber anders aus, weshalb Aristoteles sagt, dass man im Falle der akrasia von der Lust sozusagen "blind" gemacht wird. Heute würden wir sagen: wir sind psychisch unfähig, die richtige Entscheidung zu treffen, wir mussten unserem unmittelbaren Wunsch nachgeben, anstatt unserem bewussten Willen zu gehorchen, wir haben eine kognitive Dissonanz.

Aber auch diese Erklärung ist unbefriedigend, denn sie wirkt so, als seien wir alle Zwangsneurotiker, die ständig einem extrem starken Trieb nachgeben müssen. Das ist aber meist nicht so, wie das banale Beispiel der Süßigkeit zeigt: wir handeln hier nicht zwangsneurotisch, sondern völlig wissentlich und vor allem freiwillig. Wir tun freiwillig etwas, von dem wir wissen, dass wir es nicht tun sollten und eigentlich auch nicht tun wollen und es dennoch tun.

Welchen Wert hat ein Wunsch?

Eine weitere Erklärung des Phänomens kommt uns vom heiligen Thomas von Aquin. Ihm zufolge gibt es höherstufige Wünsche, sozusagen Wünsche erster und zweiter Ordnung. In erster Ordnung will ich natürlich gesund sein, in zweiter Ordnung will ich aber auch der Lust nachgeben und Süßigkeiten essen, trinken und rauchen. Aber auch diese Erklärung ist nicht ganz zufriedenstellend, denn wenn ich z.B. ab und zu rauche, obwohl ich allgemein gesund leben will, dann werte ich das Ideal Gesundheit eben nicht so hoch ein, dass es mein Handeln in jeder Situation bestimmt.

Welchen Wert hat ein Wunsch, den ich nicht ständig verfolge, dem ich sogar handelnd entgegenwirke? Das ist doch die bekannte Ausrede, die man jedes Wochenende hört: "ich rauche nur wenn ich trinke, und ich trinke nur, wenn ich unter Leuten bin", usw.

Letztlich handelt es sich bei der Willensschwäche um eine Art Denkfehler, genauer gesagt um eine Selbsttäuschung angesichts widersprüchlichen Handelns. Denn nochmal: wenn ich weiß, was das Beste für mich ist, und mich kein äußerer Grund davon abhält, es zu realisieren, dann sollte ich auch so handeln. Aber wir sind eben nicht nur logische Wesen, sondern vor allem lebendige und als lebendige Wesen brauchen wir die Spielräume, die Unbestimmtheit und die Flucht.

Wir reden uns unsere Verfehlungen durch allerlei Ausflüchte schön, wie z.B. "Krebsrisiko ist vornehmlich angeboren", oder "Ich könnte morgen auch bei einem Autounfall sterben, daher lasse ich es mir im hier und jetzt gut gehen". So lässt sich der Widerspruch in unserem Handeln aushalten - bis wir diese Handlungen dann bereuen. Und je größer die Reue, desto größer war meist die Selbsttäuschung. Wenigstens wissen wir aber dann, dass wir mal wieder schwach waren. Bis zur nächsten Selbsttäuschung...

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