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Seismograph

Was ist ein Geschenk?

An Weihnachten macht man anderen traditionell ein Geschenk. Tatsächlich ist das ein Irrtum: an Weihnachten schenken wir nicht, sondern wir tauschen. Aber was ist dann eigentlich ein Geschenk?

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4 min

Wenn man einmal darüber nachdenkt, ist dieser Akt des Schenkens ziemlich fragwürdig und befremdlich. Das hat sicherlich damit zu tun, dass dieser Akt des Schenkens und des Gebens so völlig konträr zu unserer menschlichen Natur zu sein scheint. Sind wir Menschen nicht vornehmlich egoistische Wesen, die nur an sich selbst und ihre Vorteile denken? Ist sich nicht jeder selbst am nächsten - wie es so schön heißt?

Auf der einen Seite Ellbogenmentalität, und auf der anderen Seite dieser sonderbare Akt des Schenkens...und die Freude, die wir empfinden, wenn wir selbst beschenkt werden. Irgendwie ist das widersprüchlich weshalb Geschenke auch immer eine Zäsur in unserem Alltag markieren.

Aber worüber freuen wir uns da eigentlich? Ich würde sagen: Wir freuen uns über Geschenke, weil sie den Rahmen sprengen, den Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen. Die meisten Interaktionen, die wir mit anderen Menschen haben, das meiste, was wir mit anderen Menschen austauschen, ist interessengeleitet. Das bedeutet jetzt nicht, dass wir allemal Egomanen wären, es bedeutet nur, dass wir meistens eine Absicht verfolgen, und etwas vom anderen wollen.

Interessenlose Gabe

Das Geschenk bricht mit dieser Logik. Jemandem etwas zu schenken, das ist interesselos. Zumindest ein Geschenk im ursprünglichen Sinne, also im Sinne einer Gabe. Wenn ich etwas schenke, dann gebe ich etwas, und zwar - und das ist wichtig - ohne Erwartung einer Gegenleistung. Ich mache etwas, das gratis ist.

Das Wort gratis ist übrigens mit dem lateinischen gratia verwandt, und gratia bedeutet soviel wie Dankbarkeit, aber auch Anmut und Liebenswürdigkeit (im Deutschen kennt man auch das Wort "grazil"). Das zeigt an, dass dieser gratis-Handlung, dieser Gabe eine gewisse Schönheit innewohnt. Und die Schönheit der Gabe wollen wir nicht mit irgendwelchen Interessen beschmutzen.

Aus diesem Grund packen wir unsere Geschenke in ebenso unbrauchbares wie schönes Papier, das man danach auch niemals mehr benutzt. Wir packen unsere Geschenke ein, um den Dingcharakter des Gegenstands zu verstecken und ihn so aus der Interessenlogik zu befreien. Anders gesagt: wir wickeln die Dinge in unnützes Papier ein, mit unnützen Schleifchen, um sie selbst unnütz zu machen, um anzuzeigen, dass dahinter kein Nutzen und kein Interesse steckt.

Deshalb verstecken wir auch den Preis (was lächerlich ist, da man das meiste heutzutage sowieso nachgucken kann). Aber wir bestehen darauf, dass das Geschenk keinen Preis hat und niemals mehr haben darf. Denn das Objekt hört auf, Ware zu sein in dem Moment, in dem es verschenkt wird. Deshalb sind wir auch bitterlich enttäuscht, wenn ein Geschenk weiterverkauft wird - dann wurden nämlich die Spielregeln gebrochen. Das Geschenk soll nur dem Beschenkten gehören, am besten für immer.

Geschenke als Tauschwaren

Sobald wir uns vom Geschenk eine Gegenleistung erwarten, haben wir jedoch den Bereich der gratia verlassen. Dann sind wir nämlich nicht mehr im Bereich der Gabe, sondern im Bereich des Tauschs. Und tatsächlich ist das, was wir jetzt an Weihnachten tun, nicht viel mehr als ein Tausch. Alljährlich kaufen wir immer andere Geschenke für dieselben Menschen und erwarten uns Geschenke im Gegenzug. Um es einmal überspitzt zu sagen: an Weihnachten schenken wir uns nichts, wir tauschen Erwartbares aus.

Manche schreiben sogar Wunschlisten, damit die anderen genau wissen, was wir uns von ihnen erwarten. Das beweist: wir sind nicht wirklich bereit, uns überraschen zu lassen. Denn eine Überraschung bringt immer die Möglichkeit einer Enttäuschung mit sich und man muss sehr mutig sein, um dieser Enttäuschung entgegenzutreten. Wir sind aber meistens nicht mutig, weshalb wir kontrollieren möchten.

Und wie kontrolliert man eine Überraschung? Indem man ein festes Datum setzt, an dem man überrascht werden soll. Und wie kontrolliert man ein Geschenk? Indem man ein Gegengeschenk macht, und somit einen Wert festlegt und Erwartungen schürt (Nach dem Motto: "Letztes Jahr hat sie mir das geschenkt, das muss ich dieses Jahr toppen.") Um es auf den Punkt zu bringen: an Weihnachten gibt es keine Gaben, sondern nur Tauschwaren. Das ist überhaupt nicht schlimm, es ist nur ziemlich arm.

Aber es ist nicht alles verloren, denn das Wort "Geschenk" leitet sich aus dem althochdeutschen skenken ab, was soviel bedeutet "zu Trinken geben". Vielleicht liegt ja darin das wahre Geschenk, die wahre Gabe: dass man anderen etwas zu Trinken einschenkt, ohne selbst eingeschenkt zu bekommen.