Seismograph Selbst-Beherrschung

Was ist eigentlich dieses Ich, diese Identität, von der wir alle meinen, sie zu kennen? Was meint man, wenn man sagt, man sei etwas? Woher kommt die heutige Faszination für das "Selbst"? All diesen Fragen geht Laurent De Sutter in seinem neuen Buch nach...Lukas Held hat es gelesen.

Lukas Held / Simon Larosche / tt

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Simon Larosche: Du stellst uns heute ein Buch vor... deine letzte Urlaubslektüre?

Lukas Held: Tatsächlich ja (aber nicht nur). Es handelt sich um das Werk Pour en finir avec soi-même des bekannten belgischen Philosophen Laurent De Sutter, seines Zeichens Professor für Rechtstheorie an der Vrije Universiteit Brussel. De Sutter hat eine sehr rege Produktion, sei es als Herausgeber oder als Autor (er hat rund zwanzig Bücher publiziert), und das zu den verschiedensten Themen. In den letzten Jahren haben sich seine Reflexionen jedoch um ein zentrales Thema kristallisiert, nämlich die Genealogie und die Kritik traditioneller philosophischer Konzepte - mit dem Ziel, durch die Revision dieser Konzepte neue Wege des Denkens zu eröffnen.

In dem Buch das ich dabei habe beschäftigt De Sutter sich mit dem Begriff des "Selbst", also des "soi-même". Jetzt könnte man meinen, dass er sich damit in die aktuell sehr leidenschaftlich geführte Debatte um Identität und Identitätspolitik einreiht - und das tut er auch, aber auf eine negative Weise. Anstatt die Frage zu beantworten, was meine Identität ausmacht, anstatt zu erörtern, wie sich Identität bildet, ob sie aus dem Zusammenspiel komplexer Machtstrukturen erwächst, ob man sie sich selbst zuschreiben kann oder ob die eigene Identität vornehmlich zugeschrieben wird - anstatt all diese schwierigen und politisch heiklen Fragen zu beantworten tritt De Sutter einen Schritt zurück und stellt sich die Frage: Was ist eigentlich dieses Ich, diese Identität, von der wir alle glauben, sie zu besitzen? Was meint man, wenn man sagt, man sei dieser oder jene? Woher kommt diese Faszination für das "Selbst"? Und seit wann gibt es eigentlich das "Selbst" in der Geistesgeschichte?

Klingt interessant. Der Verlag bewirbt es als "Anti-Manuel de Développement personnel" - was hat es damit auf sich?

De Sutter setzt tatsächlich bei der Kritik des sogenannten Self-Development, sprich der Selbsthilfe-Industrie an, die es bereits seit rund 100 Jahren gibt und die es sich ja zur Aufgabe gemacht hat, das Ich zu sich selbst finden zu lassen, zu seinem wahren Selbst vorzudringen, ein besseres Selbst zu entwickeln, sich selbst auszuhalten und so zur Freiheit zu finden, sich selbst lieben zu lernen, sich selbst zu optimieren, endlich bei sich selbst anzukommen, usw. und so immergleich. Das waren jetzt übrigens alles Paraphrasen der Titel gängiger Bestseller aus der Esoterik- und Selbsthilfe-Sektion eines beliebigen Buchladens. Alle diese Werke versprechen ihren Lesern durch diverse Methoden zum Selbst vorzustoßen, sich um sich Selbst zu sorgen oder das Selbst zu pflegen - mit der Begründung, dass die Pflege des Selbst das Allerwichtigste im Leben sei.

De Sutter relativiert den vermeintlichen Stellenwert des Selbst, indem er aufweist, dass das Selbst eine sehr rezente Erfindung ist, die er im 17. Jahrhundert verortet, bei John Locke, René Descartes und Blaise Pascal.

In der Antike zum Beispiel gab es keinen Begriff für das Selbst - zumindest so, wie wir uns ihn vorstellen, nämlich als etwas, das sich hegen, pflegen und verbessern ließe. Vielleicht ist dem ein oder andere gegenwärtig, dass der Begriff Person sich vom lateinischen persona ableitet, der wiederum auf das Griechische prosopon zurückgeht - was eine Art Theatermaske bezeichnete, mit der die Schauspieler dem Publikum ihre Emotionen mitteilten. In der Antike ist das Selbst nichts weiter als das, was der Andere von mir sieht bzw. was ich ihm preisgebe. Wir sind hier sehr weit entfernt von der Idee eines Selbst, das mir verfügbar ist, das ich bilden und optimieren kann.

Parallel zur Entstehung des Selbst-Begriffs tauchen im 17. Jahrhundert die handschriftliche Signatur, aber auch der feste Eigenname auf...als äußerliche Merkmale einer Identität, deren wesentliches Merkmal es ist, verborgen zu sein - und die deshalb umso strenger kontrolliert werden muss. Das führt dann direkt zur Erfindung des Ausweises, der Passfotografie und anderer Techniken des fichage bis zum heutigen digitalen Fingerabdruck...

Aber was ist eigentlich die Position des Autors? Ist das Selbst nun eine überflüssige Kategorie?

De Sutter ist der Ansicht, dass diese Kategorie das Denken eher hindert als es voranzutreiben. Er besinnt sich hier auf die wesentliche Erkenntnis der Psychoanalyse, der zufolge wir keine Kontrolle über uns selbst haben, weil wir gar nicht wir selbst sind, sondern durchzogen von dem, was wir nicht sind, was uns fremd ist. Anstatt uns ständig einzureden, dass wir etwas seien, und damit den viel größeren Teil dessen auszublenden, was wir nicht sind, sollten wir vielmehr davon ausgehen, dass wir nichts sind: "on n'est rien du tout", sagt uns De Sutter. Das bedeutet jedoch nicht, das wir nicht sind. Es bedeutet, wegzukommen von einem Denken dessen, was ist, hin zu einem Bewusstsein davon, was wird oder werden kann. Und ich ende mit einem kurzen Zitat: "Être un soi ne nous intéresse plus; ce que nous désirons, c'est [...] nous dissoudre dans les flux de la vie [...] au lieu de tenter de nous dresser au milieu d'elle, comme un rocher inaltérable [...]".

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