Seismograph Toxisch!

Toxische Beziehungen", "toxische Männlichkeit", "toxische Wortwahl" - der Begriff "toxisch" hat sich eingebürgert. Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, etwas sei "toxisch"? Lukas Held erörtert die Implikationen und den Subtext dieses Begriffs.

Lukas Held

Lukas Held

"Wenn Sterne fallen" titelte zuletzt eine große deutsche Tagesezeitung zu der Schlammschlacht, die sich Amber Heard und Johnny Depp seit einem Monat liefern. Man kann sich der ganzen Misere leider nicht entziehen, so groß ist die Media-Coverage um diesen Prozess à l'américaine, der ja auch alles hat was dazu gehört: zwei öffentliche Lichtgestalten, Liebe, Eifersucht, Drama, Geld, Sex, spektakuläre Zeugenaussagen, tiefe Einblicke in das intimsten Leben zweier Stars, Gewalt, Drogen, Rausch, Missbrauch, dazu auch zwei verbittert zu ihren Idolen stehende Fangemeinden, natürlich auch das seit der #metoo-Debatte auch in der Öffentlichkeit diskutierte Problem der häuslichen Gewalt - dieser ganze Prozess ist ein großer Ballen Zeitgeist.

Aus diesem Ballen nehme ich jetzt einfach mal einen kleinen Faden heraus. Oder besser gesagt: einen Begriff, der im Kontext dieses Prozesses aufgetaucht ist, nämlich den Begriff "toxisch", hier im Kontext der "toxischen Beziehung" von Johnny Depp und Amber Heard. Früher hätte man vielleicht von einer ungesunden Beziehung gesprochen, oder vielleicht sogar von einer gefährlichen Partnerschaft. Aber heute nennt man das eine "toxische Beziehung" - und das hat ja eine ganz andere Konnotation. Das, was gefährlich ist, das erkennt man im voraus. Wenn man sagt, dass diese oder jene Person gefährlich ist, dass man da besser die Finger von lässt, ja dann ist die Gefahr schon umschrieben, dann ist sie schon angekündigt. Beim Toxischen ist das ja nichts so, denn toxisch, also giftig wird etwas ja nur schleichend, in kleinen Dosen. Die Gefahr sieht man nahen, aber das Gift wirkt schleichend - so der Subton.

Pharmakon

Ich muss spontan an den griechischen Begriff "pharmakon" denken, von dem wir offensichtlich die Wörter pharmacie oder Pharmazeutikum herleiten. Dieses Wort ist interessant, da es eine doppelte Bedeutung hat, die sich zugleich widerspricht und ergänzt. "Pharmakon" bedeutet nämlich sowohl Gift, als auch Heilmittel. Das pharmakon ist - anders gesagt - ein Heilmittel, das ins Gegenteil umschlagen kann. Bereits Paracelsus sagte, dass die Dosis das Gift macht. Vielleicht kann man dieses Prinzip des doppelgesichtigen Pharmakons aber auch sehr gut an Karl Marx' Kommentar zur Religion illustrieren. Es gibt ein geflügeltes Wort von Marx, dass die Religion das Opium des Volkes sei. Marx meint damit, dass der Glaube an eine übersinnliche Welt, oder an ein Paradies, in dem man glücklich lebt nachdem man sich in Diesseits zu Tode geackert hat, usw. dass dieser Glaube also die Leute betäubt, benebelt sozusagen, und deshalb blind macht für die Möglichkeit, ihr Leben im Diesseits zu verändern, anstatt auf ein Jenseits zu hoffen. Das ist die Gift-Seite. Aber Marx begreift auch, dass die Arbeiterklasse, das Volk dieses Opium braucht, weil es sonst sein Leid nicht erträgt. Das ist die Heilmittel-Seite. Die Religion ist also ein pharmakon: es hilft und benebelt zugleich. Und scheint es mir auch im Begriff des "Toxischen" angelegt zu sein. Wenn man von einer toxischen Partnerschaft, oder - auch viel gehört - von toxischer Männlichkeit spricht, dann ist darin einerseits das Gift, aber auch das Heilmittel mitgedacht. Eine toxische Partnerschaft ist vielleicht eine, die zunächst heilsam wirkt, und dann aber giftig wird. Starke Männlichkeit ist solange geduldet und vielleicht auch gewünscht, bis sie in das Gegenteil umschlägt und toxisch wird.

Der Begriff "toxisch" ist irreführend

Man sieht, die Dinge sind nicht mehr so klar, wie ehedem - und es ist ja auch ein Zeichen unserer Epoche, dass die Dinge nicht mehr offensichtlich sind, sondern sich immer als etwas herausstellen müssen. Er oder sie schien perfekt zu sein, stellte sich dann aber als toxisch heraus. Und wenn dieser Befund einmal gemacht ist, dann ist er umso eindeutiger und definitiv. Auch das ist ein Zeichen unserer Zeit, nämlich die große Verabsolutierung und Vereindeutigung. Wenn er oder sie einmal als toxisch abgestempelt wird, ja dann bleibt dieses Label an ihm oder ihr haften. Der, die oder das Andere wird zum Gift erklärt - weshalb man sich tunlichst und für immer davon fernhalten sollte! Denn: wer will sich schon willentlich vegiften? Das Problem dabei ist, dass man sich selbst völlig aus dieser Gleichung herausnimmt. Wenn der andere Gift ist, dann wird man selbst ja vergiftet, und dann muss man sich reinigen, dann braucht man Cleansing, Detox usw. - auch alles beliebte Wörter unserer Zeit. Dem Toxischen gegenüber steht immer das Gesunde, das Reine. Aber diese Sicht ist wirklich nicht treffend - zunächst einmal biologisch gesehen, denn unser Körper produziert sein "Gift" selbst und braucht dieses vermeintliche Gift auch, weshalb Detox auch wirklich Blödsinn ist. Aber auch zwischenmenschlich macht es wenig Sinn. Denn die Rede vom "Toxischen" produziert den Glauben an das "Reine" oder das "Gesunde". Aber was ist eine "gesunde" Beziehung, was eine "reine" Männlichkeit? Dieser Gebrauch des Worts "toxisch" scheint mir irreführend, denn hier wird etwas hygienisiert, was eben nicht immer so ganz eindeutig ist. Ich halte es da lieber mit dem Pharmakon: das Heilmittel ist ohne das Gift nicht zu haben.

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