Klaus Modick - Fahrtwind Heute hier, morgen dort

In seinem neuen Roman "Fahrtwind" schildert Klaus Modick eine Reise nach Italien. Sein namenloser Held flieht mit seiner Gitarre vor den Ansprüchen seiner Eltern in Richtung Süden, verliebt sich in Wien in eine schöne Frau und landet später in Rom. Der Roman ist in den 1970ern angesiedelt. Die Grundidee geht jedoch sehr viel weiter zurück. Als Vorbild für seinen Protagonisten und die Reise ins Blaue diente Klaus Modick ein Klassiker der spätromantischen Literatur: Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts".

Angelika Thomé / cbi

Buchkritik Klaus Modick - Fahrtwind
Foto: Bigstock / Steve Samples

"Ich bin begeistert von dem namenlosen, abenteuerlustigen, schlagfertigen Bruder Leichtfuß, der gegen stumpfsinnige Arbeit und Nützlichkeitsethos opponiert, sich selbst nicht allzu wichtig nimmt und respektlos-ironische Blicke auf das Leben, die Leute und die Liebe wirft."

Der Bruder Leichtfuß, von dem der Ich-Erzähler in Klaus Modicks neuem Roman "Fahrtwind" schwärmt, das ist Eichendorffs Taugenichts. Seine Begeisterung für ihn kommt nicht von ungefähr, denn die beiden teilen dieselbe Lebenseinstellung. Und ebenso wie der Taugenichts zieht auch Modicks Ich-Erzähler ins Blaue, wirft Blicke auf das Leben, die Leute und die Liebe.

Eine Adaption von Eichendorffs Novelle

Klaus Modick hat Joseph von Eichendorffs romantische Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts" aktualisiert. Er hat die Handlung der Novelle, die in den 1820ern entstand, in die 1970er verlegt. Und seinen Taugenichts statt mit einer Geige mit einer Gitarre auf den Weg nach Süden geschickt.

Gleich zu Beginn begegnet er - ebenso wie sein literarischer Vorgänger - der "allerschönsten Frau". Diese Begegnung führt ihn in ein Schlosshotel nahe Wien - bei Eichendorff ist es ein Schloss.

Später landet er ebenfalls in Rom, ein Ort, den Eichendorff übrigens nie mit eigenen Augen gesehen hat, im Gegensatz zu Modick, der die ewige Stadt u.a. als Stipendiat der Villa Massimo kennenlernte. Und so geht es munter weiter ...

Die Liste der Schnittpunkte zwischen Eichendorffs Original und Modicks Version ist lang, hier nur noch zwei Übereinstimmungen: Wie bei Eichendorff ist auch Modicks Personal in Spießbürger und Lebenskünstler unterteilt und sein Roman ist ebenfalls mit Liedern durchsetzt, u.a. mit Songs, die sein Ich-Erzähler textet.

Modicks Roman kommt daher wie das Remake eines Roadmovies. Untermalt von Musik ziehen Menschen und Landschaften vorbei, während der Held heute hier, morgen dort unbeschwert in den Tag hineinlebt.

Unbefangenheit und Hedonismus

Den Müßiggänger kann so schnell nichts erschüttern; in brenzligen Situationen legt er eine schon fast beneidenswerte Naivität an den Tag.

Diese Unbefangenheit ist neben dem Hedonismus die hervorstechendste Eigenschaft des Ich-Erzählers. Sie äußerst sich u.a. in der Sprache, die Modick ihm in den Mund gelegt hat. Er jongliert ironisch mit banalen und abgegriffenen Allgemeinplätzen, zieht Pseudoweisheiten und Klischees durch den Kakao.

Dazwischen mischt sich immer wieder Erstaunen, sei es über die Schönheit der Natur, seltsame Begebenheiten oder Déjà-vus.

Die Handlung ist - wie gesagt - in den 70ern angesiedelt, der Zeit des Hippies, Gammler, Revoluzzer, der Roten Brigaden und der RAF. Mit den gesellschaftlichen Umbrüchen seiner Zeit hat Modicks Held aber nicht viel am Hut. Sein Herz schlägt für die Frauen, die Musik und fürs süße Nichtstun.

Er genießt die Freiheit und ab und zu auch mal einen Joint. Und so verschwimmt bisweilen die Wirklichkeit und nimmt geradezu märchenhafte Züge an. Klaus Modicks Roman "Fahrtwind" ist eine Verneigung vor Eichendorffs Taugenichts, eine amüsante Variation voller Elan, Lebensfreude und prall gefüllt mit einem Optimismus, der ansteckt.

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Kultur / / Angelika Thomé
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