Mieko Kawakami "Brüste und Eier" Frauen ohne Männer, Kinder ohne Väter

Frauen ohne Männer, Kinder ohne Väter: die 45-jährige japanische Autorin malt in ihrem Roman ein düsteres Bild von der japanischen Gesellschaft.

Angelika Thomé / tt

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"Brüste und Eier" - Mieko Kawakami bringt es gleich auf den Punkt. In ihrem Roman geht es um den weiblichen Körper, um Frauen und Fortpflanzung und um den ganzen Rattenschwanz, der "normalerweise" damit verbunden ist: Hochzeit, Schwangerschaft, Entbindung, Kinder, Ehe, Haushalt, und nicht zu vergessen: der Verlust des eigenen Namens und der Unabhängigkeit.

Der Preis, den Frauen unter "normalen" Umständen für ihre "natürliche Bestimmung" bezahlen, ist hoch. Dessen ist sich die Ich-Erzählerin Natsko Natsume bewußt.

Hadern mit der Frauenrolle

Natsume lebt in Tokyo, steht finanziell auf eigenen, wenn auch wackligen Beinen und hadert mit ihrer Rolle als Frau. Zum einen, weil sie asexuell ist, zum anderen weil sie das Schicksal der Frauen vor Augen hat, die sie allein und unter prekären Umständen aufgezogen haben, angefangen bei ihrer Mutter bis hin zu ihrer älteren Schwester Makiko. Die ist inzwischen selbst Mutter und erzieht ihre Tochter ebenfalls allein.

Makiko arbeitet für einen Hungerlohn in einer drittklassigen Bar und spielt, im Sinne der Selbstoptimierung und als Absicherung für die Zukunft, mit dem Gedanken an eine Brustvergrößerung. Währenddessen beobachtet ihre pubertierende

Tochter Midoriko mit Bestürzung die Verwandlung ihres Körpers und geht den Ursachen auf den Grund.

"Sobald feststeht, dass aus der befruchteten Eizelle ein Mädchen wird, befinden sich im Eistock des noch ungeborenen Babys sieben Millionen "unreife" Eizellen ... Was für eine beänstigende, schreckliche Vorstellung! Dass schon vor meiner Geburt in mir die Grundlage für neues Leben existierte", notiert Midoriko in ihr Notizbuch.

Leben schenken, Kinder kriegen - als Frau geboren zu werden, das führt bereits unter "normalen" Umständen in eine Sackgasse. Doch welche Alternativen gibt es in einer Welt, in der die Männer das Sagen haben?

Männer halten das Heft fest in der Hand

Männer spielen in diesem Roman eine Schlüsselrolle, denn sie tragen das System.

Aber, sie glänzen hier - wenn sie nicht gerade saufen, prügeln oder vergewaltigen -vor allem durch Abwesenheit. Sie verschanzen sich hinter ihrer Arbeit, suchen das Weite, spielen die Rolle des Samenspenders.

Frauen ohne Männer, Kinder ohne Väter: Kawakami malt ein düsteres Bild von der japanischen Gesellschaft und von den Männern, die das Heft fest in der Hand halten.

Das betrifft auch die Arbeitswelt, in der Frauen kaum Aufstiegschancen haben und sich mit Zeit- und Niedriglohnarbeit oder mit Teilzeitjobs begnügen müssen, selbst wenn sie eine gute und zudem teure Ausbildung absoviert haben.

Die geballte Wut auf das patriarchalische System

Es ist schwer für Frauen mit oder ohne Kinder, sich in diesem System zu behaupten, und nahezu unmöglich, sich ihm zu entziehen. Aber die Situation ist nicht ausweglos. Das illustriert Kawakami anhand von mehreren Beispielen, allen voran an Natsume, die nach einem langen Prozess zu einer ungewöhnlichen Lösung greift.

Das Ende dieses 500 Seiten starken Romans hinterlässt einen faden Beigeschmack. Aber auch das ist Teil der Lektion, die Mieko Kawakami ihren Lesern erteilt: Männer und Frauen leben in verschiedenen Welten. Das ist nicht der Biologie geschuldet, sondern wird durch gesellschaftliche Konventionen untermauert und gefestigt.

Kawakamis Roman besticht durch die Konsequenz, mit der sie das Thema Frausein von der Geburt bis zum Tod aufrollt, und die Vielzahl von Stimmen und Positionen, die sie darin versammelt.

"Brüste und Eier" bietet sehr viel Reibungsfläche. In dem Roman steckt die geballte Wut auf das patriarchalische System in Japan. Aber, wer nach der Lektüre mit dem Finger auf die "fremde Kultur" zeigt, der hat letztendlich nichts verstanden. Denn Japan ist nur ein Beispiel von vielen.

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