Andreas Schwab - Zeit der Aussteiger Eine detailreiche Studie zu Künstlerkolonien

Künstler waren die ersten Aussteiger der Moderne. Die Kolonien, die sie fernab der Städte gründeten, üben bis heute eine große Faszination aus. Andreas Schwab unternimmt am Beispiel von zehn Aussteigern eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità. Dabei begegnet der Leser Berühmtheiten, wie Truman Capote oder Jean-Francois Millet, aber auch zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern, die bis heute in deren Schatten stehen.

Angelika Thomé / cbi

Buchkritik Andreas Schwab - Zeit der Aussteiger
Foto: C.H.Beck & Bigstock / photoslb com

Sie wollten dem Alltag entfliehen und ihr Leben frei gestalten. Auf der Suche nach Selbstverwirklichung, alternativen Lebensformen und neuen Inspirationen verlagerten sie ihren Lebensmittelpunkt von den lärmenden Städten mit ihren festgefahrenen gesellschaftlichen Konventionen in die Stille und Abgeschiedenheit der Provinz. Sie zogen in abgelegene Dörfer, auf Inseln und in die Berge.

Einzelne Maler oder Schriftsteller machten den Anfang. Gleichgesinnte folgten und der Kreis der Künstler, die sich kurzzeitig oder langfristig hinzugesellten, wuchs und wechselte.

Alternative Lebensformen

Auf diese Weise entstanden zwischen 1850 und 1950 von Skagen bis nach Tanger etliche Künstlerkolonien, deren Ruf bis heute nachhallt - sei es, weil dort berühmte Werke entstanden, oder weil dort alternative Lebensformen praktiziert wurden, die für die damalige Zeit außergewöhnlich waren. Man denke nur an die Maler in Pont-Aven, Barbizon und Worpswede oder an die Kooperative von Monte Verità, die auf vegetarische Ernährung und Selbstversorgung setzte.

Die Künstlerkolonien von gestern üben bis heute eine große Faszination aus., Andreas Schwab hat in seinem Buch "Zeit der Aussteiger" dem Geist dieser Künstlerkolonien nachgespürt. Sein Augenmerk gilt u.a. der Beziehung der Künstler zu den Ortsansässigen.

Dabei tritt häufig ein Gefälle zutage. Die Kontakte zwischen den Bohemiens und den Einheimischen beschränken sich auf das Nötigste. Jeder bleibt unter sich. Es gibt wenig Berührungspunkte.

Aus der Sicht des kritischen Beobachters

Aber die Künstler sind durchaus fasziniert von der fremden Welt, die sie antreffen. Die Dorfbevölkerung und ihre Traditionen werden zu Studienobjekten, Modellen und Motiven. Das Interesse der Künstler richtet sich auf die Exotik der Einheimischen. Das ist einer der Punkte, die der Autor kritisiert, aber längst nicht der einzige.

Da wäre z.B. die Rolle der Künstlerinnen in den Kolonien. Sie gelten keineswegs als ebenbürtig, sondern vielmehr als schmückendes Beiwerk mit Heiratspotential. Und auch die freie Liebe als alternative Lebensform sieht Schwab mit kritischen Augen, denn sie hat kaum Einfluss auf das konventionelle Rollenbild und die Hierarchie: In den Künstlerkolonien haben die arrivierten Männer das Sagen. Und in der "männlich bestimmten Kunstgeschichte" die Frauen bis heute das Nachsehen.

Aus dem Schatten der Berühmtheiten heraus

Andreas Schwab kratzt ganz gehörig an dem romantisch verbrämten Bild der Künstlerkolonien. Insgesamt zehn Kolonien hat er sich vorgenommen; die Verbindung zwischen den Orten stellt er anhand von Personen her, die zwischen den Orten zirkulierten, darunter Jean-Francois Millet, Arthur Schnitzler, Alma Mahler-Werfel und Truman Capote.

Aber er wirft auch Schlaglichter auf jene, die bis heute im Schatten der Berühmtheiten stehen - angefangen bei der Malerin Ida Gerhardi bis zu der Tänzerin Charlotte Bara. Schwab fügt den zahlreichen bekannten Erzählungen über die Künstlerkolonien neue Facetten hinzu. Allerdings baut Schwab dabei auf Grundkenntnisse auf.

"Zeit der Aussteiger" ist keine Einführung zum Thema Künstlerkolonien und kein Reiseführer zu den Schauplätzen. Sondern eine detailreiche Studie aus der Perspektive eines kritischen Betrachters.

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