Yukiko Motoya - Die einsame Bodybuilderin Ein Buch, das Zuversicht und Gelassenheit verströmt

12 Bücher und vier Dramen hat die japanische Autorin und Regisseurin Yukiko Motoya seit 2003 veröffentlicht und wurde dafür u. a. mit dem Kenzaburo-Oe-Preis und dem Mishima-Preis ausgezeichnet. 2016 erhielt sie den bedeutendsten japanischen Literaturpreis, den Akutagawa-Preis, für ihre Erzählung "Ehe mit einer fremden Spezies". Diese Geschichte gehört zu den elf Storys, die in dem Band "Die einsame Bodybuilderin" erstmals auf Deutsch erschienen sind. Darin treten fantastische Gestalten auf, sorgen Verwandlungen für Verwirrung, der Alltag gerät aus den Fugen, doch zum guten Schluss fügt sich alles zusammen.

Angelika Thomé / cbi

Buchkritik Yukiko Motaya - Die einsame Bodybuilderin
Foto: Bigstock / vichie81 & Perlentaucher Verlag

Die heile Welt, bzw. der gewohnte Alltag, gerät aus den Fugen und daraus entwickelt sich eine Geschichte - das kennt man aus der Literatur in unzähligen Spielarten. Yukiko Motoya fügt ihnen eine weitere hinzu, indem sie Alltagssituationen mit fantastischen Elementen auflädt.

Die elf Storys, die in ihrem Buch "Die einsame Bodybuilderin" versammelt sind, stecken voller Überraschungen, Kuriositäten und Irritationen. So auch die letzte Story mit dem Titel "Es raschelt im Stroh":

"Es war ein Wochentag, und die Sonne, die durch die Blätter fiel, der Springbrunnen und die Rasenflächen boten ein Bild heiterer Ruhe. Und neben ihr lief ihr Gatte aus Stroh. Tomoko seufzte vor Glück über ihr herrliches Dasein."

Vor einem halben Jahr hat Tomoko den Mann aus Stroh geheiratet, obwohl ihre Familie und Freunde gegen diese Verbindung waren. Aber Tomoko gefiel der Mann aus Stroh, weil er heiterer und gütiger war als andere.

Doch das gemeinsame Lauftraining an jenem ruhigen, sonnigen Wochentag endet mit einem Eklat. Als Tomoko den neuen Wagen ihres Mannes minimal beschädigt, rastet der komplett aus: "Aus sämtlichen Ritzen flogen auf einmal winzige Musikinstrumente", heißt es im Text.

Kurzzeitig erwägt Tomoko, die übriggebliebene Strohhülle in Flammen aufgehen zu lassen, doch dann besinnt sie sich und füllt ihren Mann mit den Miniaturinstrumenten, die aus ihm raus geflogen sind, bis er wieder ist, wie er war: heiter und gütig.

Hauptsächlich weibliche Protagonisten

Tomoko ist eine der - vorwiegend weiblichen - Protagonisten, die in den Storys von Yukiko Motoya ihr Leben trotz kurioser Umstände meistern. Da wäre z.B. die Frau, deren Gesichtszüge sich immer mehr an die Züge ihres Mannes angleichen, die Verkäuferin, die eine "vielleicht nicht menschliche" Kundin in einer rollenden Umklei-dekabine zur nächsten Boutique schleppt, damit sie etwas Passendes zum Anziehen findet, oder die Bodybuilderin, die mit einem Workoholic verheiratet ist und ihre Einsamkeit kompensiert, indem sie ihren Körper in einen Muskelberg verwandelt.

In Yukiko Motoyas Storys tauchen fremden Spezies auf, geisterhafte Erscheinungen, Menschen verlieren ihre Konturen, das Fantastische bricht in den Alltag ein und droht ihn zu sprengen, es kommt zu heiklen, verstörenden Situationen.

Menschliche Gefühle und Bedürfnisse

Die 41-jährige Japanerin erschafft in ihren Geschichten ein Universum, in dem Gewohntes und Fremdartiges gleichberechtigt auftreten. Die Figuren und ihre Verwandlungen sind im besten Sinne kafkaesk.

Ihre Gefühle, Bedürfnisse und Reaktionen jedoch sind - ebenso wie bei Kafka - zutiefst menschlich. Aber im Gegensatz zu Kafka ist die Grundstimmung in Motoyas Storys nicht von Verzweiflung und Angst geprägt, sondern vorwiegend optimistisch.

Das Ungewohnte sorgt zwar für Irritationen und stellt eine Herausforderung für die Protagonisten dar, doch die sind lernfähig. Ihr Fokus verschiebt sich nach dem ersten Schrecken und instinktiver Abwehrhaltung hin zu der Frage: Wie kann ich damit umgehen und klarkommen?

Man kann diese Storys auf zweierlei Weise lesen: als groteske, surreal überspitzte Geschichten über zwischenmenschliche Beziehungen. Aber auch als Plädoyer für eine unvoreingenommene Haltung gegenüber dem Unbekannten und Fremdartigen im Allgemeinen.

Motoyas Protagonisten versöhnen sich mit dem, was sie befremdet. Akzeptanz und Toleranz siegen. Ein Buch, das Zuversicht verströmt und Gelassenheit.

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