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Seismograph

(Un)Gerechtigkeitsempfinden

Mir hunn alleguer schonn eng kéier eng Ongerechtegkeet erlieft. An dem Moment spiert ee ganz däitlech, datt een ongerecht behandelt gouf. Mee ass dat ëmmer esou einfach ze bestëmmen? Wat ass eigentlech gerecht, a wéini ass eppes ongerecht? 

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4 min

Das Thema "Gerechtigkeit" ist ohne Zweifel eines der am meisten diskutierten Themen der Philosophie. Und das ist ja auch verständlich angesichts der Tatsache, dass die Erfahrung von Ungerechtigkeit einerseits und der Wille zur Gerechtigkeit andererseits tief in uns verankert zu sein scheinen. Um das zu veranschaulichen, reicht ein Besuch auf einem Kinderspielplatz. Tatsächlich vernebelt die Angst vor der Ungerechtigkeit bzw. der unbedingte Wille zur Gerechtigkeit uns bisweilen das Denken.

Das Ultimatum-Spiel

Es gibt da ein ökonomisches Experiment, das das ganz gut veranschaulicht, nämlich das sogenannte Ultimatum-Spiel. Man braucht dafür zwei Personen, die sich am besten nicht kennen. Das Experiment funktioniert so: Der einen Person (nennen wir sie Person A) überreicht man eine konsequente Summe Geld, sagen wir einmal 150 Euro. Sie darf das Geld behalten, muss es aber mit der anderen, ihr unbekannten Person B teilen. Dabei kann die Person A der Person B so viel oder so wenig Geld geben, wie sie will. Person A kann Person B. zum Beispiel 10 Euro geben, und sich die restlichen 140 Euro behalten. Oder brüderlich teilen. Oder nur einen Cent herausrücken und das Maximum einstreichen.

Der Haken dabei: Person A muss Person B sagen, wie viel abgegeben und wie viel zurückbehalten wurde. Wenn Person B nicht mit dem Deal einverstanden ist, muss das ganze Geld wieder an den Versuchsleiter abgegeben werden und der Deal ist geplatzt. Die Transaktion darf nur einmal durchgeführt werden, es wird also nicht gefeilscht. Man muss bedenken: Egal wie das Geld verteilt wird, beide Teilnehmenden sind ja immer reicher als vorher. Sogar wenn Person B nur 5 Euro von den 150 bekäme, hätte sie immer 5 Euro mehr als vorher. Man könnte also davon ausgehen, dass jeder Deal akzeptiert wird, egal wie niedrig die Summe ist, da jeder Deal einen Gewinn bringt. Würden Sie diesen Deal akzeptieren?

Ein angeborener Gerechtigkeitssinn?

Die Experimente zeigen: Wenn Person B sich ungerecht behandelt fühlt, lässt sie den Deal lieber platzen, als Person A den Löwenanteil zu gönnen. Anscheinend liegt die Ungerechtigkeitsschwelle in westlichen Gesellschaften bei ungefähr 30 %: wenn man weniger als ein Drittel der Summer erhält, geht man den Deal nicht ein. Die gängigsten Angebote liegen bei 45 %. Also die meisten von uns würden mit Blick auf den Deal etwas weniger als die Hälfte abgeben.

Deutet dies auf einen „angeborenen“ Gerechtigkeitssinn hin? Immer wenn man über angeborene Verhaltensmuster spricht, tut es ganz gut, mal einen Abstecher in die Anthropologie zu machen. Denn die zeigt uns, dass vermeintlich Angeborenes auch kulturell bedingt sein kann. Der amerikanische Anthropologe Joseph Henrich führte das Ultimatum-Spiel in den 90er Jahren mit einem Stamm im peruanischen Amazonas-Gebiet durch. Er fand heraus, dass die Mitglieder dieses Stammes jedes Angebot annahmen, egal wie klein der eigene Gewinn ausfällt.

Die Idee, dass jemand geschenktes Geld ablehnen würde, schien diesen Menschen absolut unverständlich. Außerdem hatten sie keine Erwartung an irgendeine Form von Fairness vonseiten des Gegenübers. Im Gegensatz dazu haben wir Westler ein schlechtes Gewissen, wenn wir weniger als ein Drittel des Geldes abgeben. Den Grund dafür sieht Henrich in der soziopolitischen Komplexität unserer Gesellschaften: Wir Westler fühlen uns unpersönlichen Normen, wettbewerbsorientierten Märkten und vielleicht noch religiösen Idealen verpflichtet. Wenn diese Institutionen fehlen, dann sieht auch der Gerechtigkeitssinn anders aus.

Amartya Sen und die Flöte

Das ist vielleicht auch der Grund, warum es so viele verschiedene Theorien der Gerechtigkeit gibt. Aber auch hier herrscht mitunter große Verwirrung. Das hat der Philosoph und Nobelpreisträger für Ökonomie Amartya Sen in einem berühmten Gedankenexperiment gezeigt. 

Stell dir drei Kinder vor: Anna, Bob und Carla. Alle drei streiten sich um eine Flöte, aber nur eine der drei Personen kann die Flöte besitzen. Anna ist die einzige der Dreien, die tatsächlich die Flöte spielen kann, die anderen könnten sie nicht einmal benutzen. Es scheint also sinnvoll, dass Anna die Flöte bekommt. 

Bob ist allerdings das Kind einer bitterarmen Familie und besitzt – im Gegensatz zu Anna und Carla – kein anderes Spielzeug. Er würde sich sehr über diese Flöte freuen, es würde seine Armut ausgleichen. Jetzt denkst du vielleicht, dass eher Bob die Flöte bekommen sollte. Carla hat allerdings auch einen Anspruch auf das Instrument, denn sie hat die Flöte selbst geschnitzt, in monatelanger, schwieriger Handarbeit. Sollte sie diese Flöte nun einfach aufgeben, nur weil jemand sie dringender braucht bzw. auch spielen kann? 

Wer von den Dreien hat denn nun den legitimen Anspruch auf die Flöte: Anna, Bob oder Carla? Die Person mit Talent, die Person mit Bedürfnissen oder die Person, die Zeit, Energie und Arbeit investiert hat? Wem sollen wir die Flöte denn jetzt geben?  Was wäre eine wirklich gerechte Entscheidung in diesem Fall? Ich erlaube mir, diese Frage jetzt einfach im Raum stehenzulassen. Vielleicht als Ausgangspunkt für ein kleines Streitgespräch dieses Wochenende.