Seismograph Was ist kritisches Denken?

Mit den sogenannten "Hygiene-Demos" rückt das Thema "Verschwörungstheorien" wieder prominent in die Schlagzeilen. Diese Demonstrationen bieten nämlich all denen eine willkommene Bühne, die ihre kruden, absurden und mitunter gefährlichen Theorien unters Volk bringen wollen.

Simon Larosche / Lukas Held / cbi

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Simon Larosche: Heute geht es um kritisches und unkritisches Denken.

Lukas Held: Ja Simon, mit den sogenannten "Hygiene-Demos" rückt das Thema "Verschwörungstheorien" ja wieder prominent in die Schlagzeilen. Diese Demonstrationen bieten nämlich all denen eine willkommene Bühne, die ihre kruden, absurden und mitunter gefährlichen Theorien unters Volk bringen wollen.

Was mir an Verschwörungstheoretikern auffällt und mich schon immer gestört hat, ist ihr Appel, endlich aufzuwachen, seine eigenen Recherchen zu unternehmen, sich eine eigene Meinung zu bilden, ja kurz: kritisch zu sein. Mich stört das, weil hier ein Vokabular übernommen wird, das man so auch in der Philosophie findet. Schließlich ist das Kerngeschäft des Philosophen seit jeher das kritische Denken.

Nehmen wir z. B. Platons Höhlengleichnis, in dem die Gefangenen von einem Philosophen befreit werden, um anstatt der Schatten die wahren Dinge zu erblicken. Oder das Projekt der Aufklärung, der lumières, bei denen es ja darum ging, sich der eigenen Vernunft zu bedienen, um die verstaubten Dogmatismen zu überwinden und unvoreingenommen nach der Wahrheit zu suchen. Immanuel Kant brachte das ja bekanntlich auf die Kurzformel "Sapere aude!", also "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen".

Sind die Verschwörungstheoretiker also eine Art Aufklärer der Gegenwart?

So sehen Sie sich vielleicht selbst, aber so einfach ist es dann doch nicht. Zunächst einmal muss man unterstreichen, dass die Aufklärer von damals immer äußerst bedacht auf die Methode waren, die ihren Überlegungen zugrunde lag. Nehmen wir bspw. den "Discours de la méthode" von René Descartes. Darin erklärt er uns nicht, was man denken soll, sondern wie man denken soll, wie man sein Denken in die richtigen Bahnen lenkt, um so zu universalen Wahrheiten zu gelangen.

Der Verschwörungstheoretiker hingegen stellt Zusammenhänge auf zwischen unzusammenhängenden Phänomenen und pickt sich dabei ausschließlich die Fakten heraus, die seine Hypothese belegen. Dieses cherry-picking ist natürlich weder methodisch, noch wissenschaftlich und auch nicht im Geiste der Aufklärung.

Beiden scheint es ja aber darum zu gehen, die Welt kritisch zu hinterfragen und die Dinge nicht einfach so anzunehmen.

Ja, so wirkt es zumindest auf den ersten Blick und deshalb funktioniert ihre Rhetorik auch so gut. Denn seien wir mal ehrlich: keiner von uns möchte sich als naives Schaf fühlen, das fraglos alles schluckt, was man ihm oder ihr vorsetzt. Wir alle ziehen natürlich die Wahrheit der Lüge vor und niemand will hinters Licht geführt werden.

Der wesentliche Unterschied liegt m. E. aber in der Vorstellung von Kritik und von kritischem Denken. Für den Konspirationisten besteht kritisches Denken darin, zunächst einmal nichts zu glauben. Kritik wird hier mit allgemeiner Skepsis gleichgesetzt, nach dem Motto: alles ist verdächtig, alles muss überprüft werden - und vor allem das, worüber eigentlich ein Konsens herrscht.

Um dann anschließend willkürliche Zusammenhänge zu konstruieren, nach Motiven und Interessen zu fahnden um so die Phänomene nach einer eigenen Logik zu ordnen, z. B. der Logik "superreiche Elite, die die die Weltherrschaft anstrebt". Der Konspirationist ist sich immer sicher, letztlich auf die Wahrheit zu stoßen (auch wenn diese mitunter arg zusammengeschustert wirkt), seine Fragen sind Pseudo-Fragen, auf die die Antworten immer schon feststehen.

Eben diese Sicherheit gibt es im philosophischen Denken nicht. Im Gegenteil, zum Philosophieren gehört immer das Risiko dazu, die Wahrheit eben nicht zu entdecken, zu keiner Antwort zu kommen, etwas zu zerstören, ohne Möglichkeit es wieder zurückbringen oder ersetzen zu können. Das ist der Mut, von dem Kant in seiner Formel spricht: der Mut, sich seines Verstandes zu bedienen, aber dabei denkend den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Es ist der Mut, nicht nur die Umwelt, sondern vor allem sich selbst und die eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen. Es ist schließlich der Mut, der Entmutigung zu trotzen, und der Welt in ihrer ganzen Komplexität und Absurdität denkend zu begegnen. Dieser Mut fehlt mir in der Verschwörungstheorie, die sich faul auf der Sicherheit ausruht, es besser zu wissen. Und deshalb ist mir die Philosophie sympathischer - weil sie weiß, dass sie nichts weiß.

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