Seismograph Montaigne lesen

Zu philosophieren bedeutet nicht nur, dem Tod seinen Schrecken zu nehmen, sondern sich den Tod ständig zu vergegenwärtigen, ihm Einlass zu gewähren in das Leben. Wer philosophiert, beginnt, zu sterben - so meint es Michel de Montaigne.

Lukas Held / Simon Larosche / tt

Lukas Held
Der Philosophe Lukas Held. Foto: Archiv

Guten Morgen Lukas Held, bei dir geht es heute um Lieblingsphilosophen.

Ich werde oft gefragt, wer denn mein "Lieblingsphilosoph" sei, oder mein Lieblingsbuch eines Philosophen, und finde diese Frage immer sehr nervig. Was will jemand, der eine solche Frage stellt, eigentlich wissen? Ich habe nie verstanden, was er oder sie mit meiner Antwort auf diese Frage überhaupt anfangen könnte - weshalb ich die Frage auch niemals antworte. Und dennoch gibt es einige Philosophen, mit denen ich mehr anfangen kann als mit anderen.

Man müsste vielleicht fragen: Welcher Philosoph hat dich nachhaltig geprägt?

Ja, das wäre sicherlich die bessere Frage, und sie weist auch schon auf eine andere Frage hin, nämlich den Grund, weshalb jemand beginnt, sich mit Philosophie zu beschäftigen und vielleicht sogar sein Metier daraus zu machen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Philosophen ihre Berufung zur Philosophie immer zum Thema gemacht haben.

So zum Beispiel Sokrates, der ja bekanntlich zur Philosophie kam, weil ihn die Pythia - die Hohepriesterin des Orakels von Delphi - zum weisesten Mann der Welt bestimmt hatte. Sokrates war ziemlich schockiert von dieser Aussage, und versuchte das Orakel zu widerlegen, indem er viel weisere Männer besuchte.

Als er sich bewusst wurde, dass diese weisen Männer jedoch nur vermeintlich weise waren, dass sie glaubten, etwas zu wissen, obwohl sie nichts sicher wussten, bewahrheitet sich der Orakelspruch. Denn Sokrates weiß ja nur eine Sache, nämlich dass er nichts weiß. Sokrates wurde also durch das Orakel berufen.

Ein anderes Beispiel: Der Philosoph Plato war ein ganz talentierter Dichter, verbrannte aber - nachdem er Sokrates begegnete - alle seine Schriften wurde stattdessen Sokrates' Schüler. Noch ein Beispiel: Der stoische Philosoph Zenon erlitt einen Schiffbruch, konnte sich aber in aller Not retten, kam bei einem Buchhändler unter und entdeckte dort philosophische Werke. Zenon verlor alles, und konnte dadurch erst zur Philosophie kommen.

Und von Aristoteles sagt man, der reiche Arztsohn habe sein ganzes Geld verschleudert, und sei eher notdürftig in Platos Akademie eingetreten. Gemeinsam ist all diesen Berufungsgeschichten das Motiv des Verlusts und des Erwachens. Das griechische Wort thaumazein bezeichnet diesen Doppelzustand des Aufmerksam-Werdens bei gleichzeitiger Verstörung. Man könnte es mit dem Wort Staunen übersetzen.

Am Anfang der Philosophie steht also das Staunen.

Ja, und das meinte auch schon Aristoteles. Es bedeutet darüber hinaus - und das zeigen die ganzen Geschichten - dass man sich nicht einfach für Philosophie entscheidet, sondern etwas muss vorfallen, damit man auf die Philosophie kommt.

Um es poetisch auszudrücken: die Philosophie erwächst erst aus dem Vakuum, das entsteht, wenn etwas verloren geht - vielleicht eine Art Sicherheit, oder ein Selbstverständnis. Jeder der sich für Philosophie interessiert, Philosophie studiert oder versucht sie weiterzutreiben kann wohl dieses Moment des thaumazein bestimmen. Womit wir wieder bei deiner Ausgangsfrage wären.

Ja, denn die hast du noch gar nicht beantwortet.

Der Philosoph, der mich nachhaltig geprägt hat, ist Michel de Montaigne, der von 1533 bis 1592 in der Nähe Bordeaux lebte, und dort - zurückgezogen im Turm des eigenen Schlosses - seine Essais verfasste. Ich habe mir mit 16 eine deutsche Übersetzung einiger Essais in einer Buchhandlung gekauft - warum, weiß ich selbst nicht mehr.

Jedenfalls las ich bei Montaigne, dass Philosophieren bedeutet, das Sterben zu lernen - philosopher, c'est apprendre à mourir. Für Montaigne ist der Tod nicht das Gegenteil des Lebens, sondern im Leben selbst allgegenwärtig. Deshalb schwingt in jedem Moment des Lebens auch ein wenig Tod mit.

Man sollte sich auf den Tod einstellen, denn il est incertain où la mort nous attende: attendons-la partout. Man sollte sich auf die Gewissheit des Todes - unsere einzige Gewissheit - vorbereiten, und das bedeutet so zu leben, dass man ohne Reue und Bedauern aus dem Leben scheiden kann: je me dénoue partout; mes adieux sont à demi pris de chacun, sauf de moi.

Zu philosophieren bedeutet nicht nur, dem Tod seinen Schrecken zu nehmen, sondern sich den Tod ständig zu vergegenwärtigen, ihm Einlass zu gewähren in das Leben. Wer philosophiert, beginnt, zu sterben. Das hört sich dramatisch an, ist aber ganz lehrreich. Einem Sterbenden macht man nichts mehr vor, der Sterbende weiß vielmehr zu schätzen, was ihm verbleibt.

Das meinte zumindest Montaigne, und das hat mich damals sehr verwundert und schockiert mich weiterhin ... aber in einem guten Sinne, als thaumazein. Und in einer Zeit, in der die Menschen aus Furcht vor dem Tod zu allergrößten Verzichten bereit sind, kann es sich lohnen, Montaigne zu lesen. L'utilité du vivre n'est pas dans l'espace du temps, elle est dans l'usage. Il dépend de votre volonté, non du nombre des ans que vous ayez assez vécu.

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