Leere Zeit

Was ist der Unterschied zwischen Wartezeit, leerer Zeit und Freizeit? Warum haben wir den Drang, diese Zeit zu füllen? Und warum fällt uns es oft schwer, etwas sinnvolles aus unserer Freizeit zu machen?

Lukas Held

Lukas Held

Kürzlich war ich in der Stadt. Ich hatte dort ein RDV, war pünktlich und bereit - und ungefähr eine Viertelstunde vor dem Termin sagt man mir ab. Es gab dann Entschuldigungen, es gab Erklärungen und ein neues Datum, und auf einmal hatte ich etwas Zeit für mich.

Eine unverhoffte freie Stunde

"Das ist doch eine gute Sache", dachte ich mir, es kam anfänglich sogar eine Art Freude auf. Aber dann stellte sich sogleich Ernüchterung ein: ich wusste nämlich partout nicht, was ich mit meiner gewonnenen Stunde hätte anfangen sollte. Um nach Hause zu fahren blieb zu wenig Zeit, ich hatte nichts, was ich in der Stadt erledigen musste, keine Einkäufe zu tätigen und ich hatte auch nichts zum Arbeiten dabei.

Ich war also wirklich nicht ausgerüstet, um diese leere Zeit irgendwie zu füllen. Aber das ist ja an sich schon interessant: mein 1. Reflex war es tatsächlich, die leere Zeit zu füllen, mit Arbeit, mit Hausarbeit oder mit Besorgungen.

Ich fühlte mich an Blaise Pascals Satz aus seinen Pensées erinnert : "J'ai dit souvent que tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne savoir pas demeurer en repos dans une chambre". Warum wir das nicht können, darauf hat auch Pascal keine Antwort. Er sieht darin schlicht "le malheur naturel de notre condition faible et mortelle, et si misérable que rien ne peut nous consoler".

Die leere Zeit füllen

Sicherlich defätistisch, aber doch auch akkurat: wir Menschen haben den Drang, leere Zeit zu füllen. Wir können nur schwer einfach da sitzen und zufrieden sein, wir müssen unsere Zeit immer irgendwie nutzen. So fühlte ich mich auch mit meiner gewonnenen Stunde, nur das ich partout nicht wusste, was ich jetzt damit anfangen sollte.

Es heißt ja, dass leere Zeit die Produktivität und die Kreativität ankurbelt. So erlebte ich das aber nicht. Ich fühlte mich ein wenig wie jemand, der auf etwas wartet, das aber nicht eintrifft. Aber auch das trifft nur halb zu, denn wenn man wartet, dann ist mit dem Warten auch das Ende des Wartens mitgedacht. Wenn ich warten muss, beispielsweise an der roten Ampel, oder beim Arzt, oder bei der Autokontrolle, oder auf den Zug, dann wird für einen kurzen Moment der Lauf meines Lebens unterbrochen.

Im Warten macht sich die Realität für einen Moment bemerkbar und meine Ansprüche, meine Begierden und mein Willen werden kurz zurückgepfiffen, ich muss mich zurückhalten, ich muss warten. Ich werde mir bewusst, dass ich Teil einer sozialen Welt bin, denn wenn ich an der Ampel warte, können andere ihren eigenen Weg gehen, und wenn ich auf den Zug warte, dann füge ich mich einer größeren Ordnung, die mich als einzelnes Individuum übersteigt.

Aber das Warten hat auch einmal ein Ende, weshalb die Wartezeit auch nicht unbedingt eine leere Zeit ist, denn die Wartezeit hat einen Sinn, der außer ihr liegt. Wenn ich im Wartezimmer warte, dann gibt die Arztvisite dieser Zeit ihren Sinn. Aber die leere Zeit, den temps mort, den muss ich selbst mit Sinn füllen. Und eben das fällt uns oft sehr schwer.

Aktive statt passive Freizeit

Aber warum? Darauf hat tatsächlich der britische Philosoph Bertrand Russell eine Antwort. Der veröffentlichte im Jahr 1935 einen schönen Aufsatz mit dem Titel "In Praise of Idleness", auf deutsch "Lob des Müßigganges". Darin vertrat er für damalige Verhältnisse recht progressive Ideen, insbesondere das Recht auf mehr Freizeit. Denn schon damals konstatiert er eine weit verbreitete Unfähigkeit, richtig mit der eigenen Freizeit umzugehen.

So bemerkt Russell, dass die meisten unserer Freizeitbeschäftigungen passiver Natur sind, wie z.B. ins Kino gehen, Fussballspiele ansehen, Radio hören. Das lässt sich - leider, muss man sagen - auch auf unsere Zeit übertragen: Podcasts hören, Social-Media checken, Netflix gucken. Aber warum? Für Russell liegt der Grund darin, dass wir unsere Aktivität, unser aktives Leben voll und ganz in die Arbeit investieren, beziehungsweise einer Produktivitätslogik unterwerfen. Es ist gesellschaftlich konventioniert, dass die Arbeitszeit die produktive Zeit ist, die Zeit der pflichtbewussten Tätigkeit.

Die Freizeit hingegen muss die Zeit des Nichtstuns sein, weil man so müde von der Arbeit ist, dass in der Freizeit keine Energie mehr bleibt. Würden wir alle weniger arbeiten - so meint es Bertrand Russel - würden wir mehr Zeit für "produktive Freizeit" haben.

Diese produktive Freizeit sei in früheren Zeiten nur einer besonderen Elite vorbehalten gewesen, nämlich der Bourgeoisie, die dadurch unsere Kultur nach vorne getrieben hätten. Man sollte aber jedem Menschen diese produktive Freizeit gewährleisten, weshalb Russell für einen 4h-Arbeitstag plädiert.

Darüber darf man denn mit Blick auf Modelle wie das bedingungslose Grundeinkommen auch gerne debattieren. Und man kann auch darüber spekulieren, was Russell von Arbeitsformen wie dem Home-Office oder dem Corporate-Geschwafel von der "großen Familie" am Arbeitsplatz gehalten hätte. Fest steht jedenfalls: mir fiel es an dem Tag schwer, meine freie Zeit produktiv zu nutzen. Und das fand ich ziemlich traurig.

An der Mediathéik:

Seismograph / / Lukas Held
Lauschteren

Méi zum Thema

Lukas Held
Seimsograph

Letzte Woche verstarb der belgische Philosoph Michel Meyer. Meyers Problematologie ist hierzulande nicht wirklich bekannt. Dabei hat sie uns viel zu bieten.

Lukas Held
Seismograph

Tag für Tag verschwindet etwas aus unserem Leben - ein Gegenstand, eine Pflanzen- oder Tierart, oder gar ein Mensch. Grund genug, sich Gedanken über das Verschwinden zu machen.

Lukas Held
Seismograph

Toxische Beziehungen", "toxische Männlichkeit", "toxische Wortwahl" - der Begriff "toxisch" hat sich eingebürgert. Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, etwas sei "toxisch"?

Net verpassen

Dossieren

  • Dossier: Relatiounen tëscht Portugal a Lëtzebuerg

    Haut ass et den zweeten a leschten Dag vun der Staatsvisitt a Portugal. Eng grouss Lëtzebuerger Delegatioun ass den Ament zu Lissabon. An eisem Dossier fannt dir all eis Bäiträg an Artikelen iwwer d'Theema.

  • De Krich an der Ukrain

    De 24. Februar 2022 huet Russland d'Ukrain militäresch iwwerfall. Déi westlech Länner hu mat Sanktioune reagéiert, Millioune vu Leit sinn aus der Ukrain geflücht.

Iwwert eis

De radio 100,7 ass deen eenzegen ëffentlech-rechtleche Radio zu Lëtzebuerg. E proposéiert Programmer op Lëtzebuergesch mat engem Fokus op Informatioun, Kultur, Divertissement a mat Akzent op d’klassesch Musek.

Weider liesen