Seismograph La Boétie und die "servitude volontaire"

Aus offensichtlichen Gründen finden momentan generell nicht sehr viele Events statt - und die Philosophie bildet da leider keine Ausnahme.

Simon Larosche / Lukas Held / cbi

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held (Foto: Archiv)

Simon Larosche: Lukas, du hast heute einen Veranstaltungstipp für uns, und zwar ein philosophisches Kolloquium in Brüssel.

Lukas Held: Genau Simon, aus offensichtlichen Gründen finden momentan ja generell nicht sehr viele Events statt - und die Philosophie bildet da leider keine Ausnahme. Die meisten philosophischen Aktivitäten finden ja bekanntlich an Universitäten statt, und die kommen erst langsam wieder in Fahrt.

Umso erfreulicher ist es zu sehen, dass diesen Freitag - also morgen schon - ein philosophisches Kolloquium an der Université libre de Bruxelles abgehalten wird. Thema ist ganz allgemein das Denken des französischen Philosophen und Humanisten der Renaissance Etienne de La Boétie - und insbesondere sein philosophisches Hauptwerk "Discours de la servitude volontaire", in deutscher Übersetzung "Von der freiwilligen Knechtschaft".

Nun weiß ich, dass diese Mitteilung vielleicht etwas zu kurzfristig kommt, um nach Brüssel zu reisen (zumal die Zuglinie Luxemburg-Brüssel nicht gerade die schnellste ist), aber glücklicherweise gibt es seit der Corona-Krise die Möglichkeit, solchen Veranstaltungen digital beizuwohnen. Es genügt, die Veranstalter per Mail zu kontaktieren, um einen Link zur Videoübertragung zu erhalten. So kann man dann bequem von zuhause aus mitdenken.

Was versteht man denn unter dem Begriff "servitude volontaire"? Kannst du uns da einige Erklärungen geben?

Natürlich. La Boétie war erstaunlicherweise erst 18 Jahre alt, als er 1548 seinen "Discours" verfasste - und das merkt man diesem relativ kurzen Text an, jugendlich ungestüm und radikal daherkommt. Im Zentrum des Texts steht die Frage, warum sich Menschen "freiwillig" einer äußeren Macht unterwerfen, ja warum die Menschen lieber dienen und Gehorsam leisten anstatt ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen.

Kurz gesagt: Wie ist es möglich, dass eine Person oder eine kleine Gruppe von Personen über eine sehr große Mehrheit herrscht, ohne dass diese sich auflehnt. Um das zu erklären entwirft La Boétie den oxymorischen Begriff der "freiwilligen Knechtschaft", um damit anzuzeigen, dass die Knechtschaft nicht von außen auferlegt wird, sondern von den Unterdrückten selbst gewollt wird.

Die Menschen begeben sich laut La Boétie freiwillig in die Knechtschaft, da sie unfähig sind, sich ihre eigene Freiheit einzugestehen, geschweige denn sie wirklich zu wollen. Dabei ist für La Boétie - wie für viele Denker dieser Zeit - der Zustand der Freiheit der eigentliche, natürliche Zustand des Menschen.

Nur haben die Menschen dies vergessen und sich so sehr an die eigene Knechtschaft gewöhnt, dass ihnen jedes alternative Lebensmodell suspekt erscheint - so suspekt, dass sie eher das bestehende Unterdrückungssystem in Schutz nehmen als sich gegen den Herrscher zu wenden.

Der Text stammt ja aus dem 16. Jahrhundert. Hat der Text denn auch noch heute seine Aktualität?

Ich denke, dass der Text aktueller denn je ist. Heute lässt sich vielleicht nicht mehr ein Tyrann bestimmen, wie zur Zeit La Boéties, als es noch viele Lehnsherren, Fürsten und Herzoge gab.

Dennoch haben sich die Mechanismen der Unterdrückung nicht wesentlich geändert - und eben darauf sollte man auch heute noch achten. So erklärt uns La Boétie bspw., dass die meisten Tyrannen nicht einmal eine Schreckensherrschaft errichten müssen, um die Macht zu behalten.

Es genügt die Menschen bis zur Blödheit zu amüsieren, durch "Bordelle, Tavernen und öffentliche Spiele". Dadurch entfernt man die Menschen von ihrem Willen zur Freiheit, und lässt sie sich in kurzweiligen und materiellen Interessen verlieren. Eine weitere Strategie besteht darin, konträres Denken zu eliminieren. Ein Blick nach Ungarn oder Belarus zeigt, dass die Schließung von Universitäten und die Gleichschaltung der freien Presse noch immer zu den Prioritäten moderner Autokraten gehören.

Aber die wichtigste und gefährlichste Form der Tyrannei besteht für La Boétie darin, dass die Knechte selbst danach streben, zu kleinen Tyrannen zu werden. Wenn Menschen eher danach streben, Macht über die eigenen Mitmenschen zu haben, wenn sie versuchen, dass System im Kleinen zu reproduzieren, anstatt gegen das System anzugehen, dann ist die Gesellschaft völlig entsolidarisiert.

La Boétie zeigt uns in seinem Text, dass das Volk tagtäglich aktiv daran mitwirkt, dass sich nichts ändert. Ich denke, wir sollten einen langen Blick in den Spiegel werfen, der uns hier vorgehalten wird.

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