Seismograph Konferenz: "Démasculiniser les sciences humaines"

Auch die philosophischen Fakultäten müssen sich den Umständen anpassen und ihre Konferenzen und Kolloquien jetzt online organisieren.

Lukas Held / Simon Larosche / cbi

Lukas Held
Der Philosophe Lukas Held. Foto: Archiv

Simon Larosche: Lukas, du bringst uns heute einen Eventtipp mit.

Lukas Held: Ja Simon, ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass auch die philosophischen Fakultäten sich den Umständen anpassen müssen und ihre Konferenzen und Kolloquien jetzt online organisieren.

Ein Glück muss man fast schon sagen, denn so können wir in Luxemburg einer philosophischen Konferenz im schönen Montpellier beiwohnen, ohne dafür die Luxair bemühen zu müssen. Der Titel der Konferenz lautet "Faut-il être une femme pour philosopher?". Das Ganze findet statt am Mittwoch, 18. November von 17h-19h30.

Alle Details dazu finden Sie auch auf der Website. Aber worum geht es denn da genau?

Die Konferenz ist Teil einer ganzjährigen Seminarreihe mit dem Thema "Démasculiniser les sciences humaines", organisiert von der Université Paul Valéry. Ausgangspunkt ist laut den Organisatorinnen der Befund, dass die Geisteswissenschaften sich jahrhundertelang in einem frauenfeindlichen Paradigma bewegten.

Konkret bedeutet das, dass Frauen aus den Geisteswissenschaften ausgeblendet, dass sie weniger als Akteure denn als Objekte dieser Wissenschaft wahrgenommen wurden und dass rein maskuline Normen, Werte und Interessen die Linguistik, Geschichtswissenschaft, Philosophie, Soziologie, die Ethnographie etc. geprägt haben - und das auch noch immer tun. Ziel der Seminarreihe ist es, diese nachhaltende Maskulinisierung zu identifizieren und zu dekonstruieren.

Um diese These zu stützen nenne ich einfach mal ein paar Zahlen: Im Bereich Geisteswissenschaften waren 2018 in Frankreich zwar die Hälfte aller Studierenden, die Hälfte aller Doktoranden sowie die Hälfte aller Maître de conférence Frauen, aber nur mehr rund 30% erhielten die Nomination als Professeur - und wenn, dann mit einem erheblichen Gehaltsunterschied und viel später als ihre männlichen Kollegen.

Ein anderes Beispiel, aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft. Von rund 219 rezent bei Gallimard veröffentlichten Geschichtsbüchern wurden nur 16 von Historikerinnen verfasst. Im Bereich Philosophie ist die Situation ähnlich: 8 von 10 philosophischen Konferenzen werden von Männern organisiert; nur ein Viertel der Profs sind Frauen, es gibt deutlich weniger Publikationen von Frauen und in den Lehrprogrammen sind keine weiblichen Denker zu finden (vielleicht noch Hannah Arendt wenn's hochkommt).

Man könnte sagen, dass das historische Gründe hat, weil es eben damals kaum weibliche Philosophen gab.

Ja, das kann man so sagen, aber was sagt man eigentlich, wenn man das sagt? Man sagt dann, dass die Dinge eben damals so waren. Dann sagt man aber eigentlich nicht viel Lehrreiches, zumindest nicht für uns heute.

Man kann auch sagen, dass es in der Philosophie ja sowieso um eine gewisse Universalität geht, die ja geschlechtsunabhängig ist. Das ist ein schönes Ideal, aber ist dieses vermeintliche Neutrum nicht ein heimliches Maskulinum? Werden hier aus nicht aus Minorisierten einfach Minoritäre gemacht, werden hier nicht die Ausgeblendeten inexistent erklärt?

Tatsächlich gab es sie, die weiblichen Philosophen, sie haben es nur nie in den Kanon geschafft. Es geht hier nicht darum, irgendein mystisches feminines Denken zu zelebrieren, noch darum alle männlichen Philosophen unter Generalverdacht zu stellen.

Es geht schlicht darum die Strategien männlicher Dominanz im Bereich der Philosophie auszumachen, zu entlarven und so tief verwurzelte Vorurteile zu entfernen - ja vielleicht das am allertiefsten verwurzelte Vorurteil demzufolge eine Frau weniger wert ist als ein Mann. Es ist m.E. unphilosophisch, die Dinge hinzunehmen, wie sie sind, ohne sie zu hinterfragen. Warum sollte das dann ausgerechnet für den Kanon der Philosophie gelten?

Jedenfalls lade ich dazu ein, sich zu dieser Konferenz einzuschalten. Beeilen Sie sich, die Plätze sind begrenzt.

Link zum Programm: https://crises.www.univ-montp3.fr/fr/d%C3%A9masculiniser-les-sciences-humaines-et-sociales

Link zur Einschreibung: https://framaforms.org/inscription-seminaire-demasculiniser-18-novembre-2020-1604419359

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Seismograph / / Lukas Held
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