Seismograph "Keng Anung, mee ..."

Warum teilen wir unseren Mitmenschen andauernd mit, dass wir keine Ahnung haben? Ein Ausdruck, der sich seit Jahren sowohl im Deutschen, wie im Französischen und auch im Luxemburgischen durchhält und der - wenn man mal darüber nachdenkt - sehr befremdlich ist. Gedanken von Lukas Held

Lukas Held / cbi

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Lückenfüller

Denken wir einmal über all diese kleinen Dinge nach, die wir so sagen, um die Pausen im Gespräch zu überbrücken, all die "Ehs", "Ehms" und "Gells", die uns im Gespräch halten, die den Wortfluss nicht unterbrechen. Aber auch Wörter wie "krass", "geil" und - sehr beliebt in Luxembourg - das Wörtchen "mega".

Ich stelle mir die Frage, warum solche Wörter auf einmal auftauchen. Warum findet man heute Dinge nicht mehr "knorke" oder "groovy", weshalb findet man auch heute noch Dinge "cool", und wird sich "cringe" für längere Zeit durchsetzen können?

Jedenfalls gibt es einen Ausdruck, der sich seit Jahren sowohl im Deutschen, wie im Französischen und auch im Luxemburgischen durchhält und der - wenn man mal darüber nachdenkt - sehr befremdlich ist.

Keng Ahnung...

Nämlich das Wort "Keine Ahnung", "Aucune idée", "keng Ahnung". Im Luxemburgischen oft als "jo mee keng Ahnung" - und das nicht nur bei Jugendlichen, es betrifft uns alle, mich eingeschlossen. Es wirkt befremdlich, allein schon durch das, was er aussagt. Warum teilen wir unseren Mitmenschen andauernd mit, dass wir keine Ahnung haben, dass wir also total unwissend sind?

Wenn man etwas ahnt, dann hat man laut Lexikon entweder ein unbestimmtes Vorgefühl von etwas, so wie man eine Ahnung davon haben kann, wer der nächste deutsche Bundeskanzler wird (ohne es zu wissen) oder man besitzt tatsächlich eine gewisse Kenntnis und hat ein bestimmtes Wissen so wie man z.B. eine Ahnung von Fußball oder Steuerrecht haben kann.

Wenn ich aber "Keine Ahnung" sage, dann gestehe ich ein, dass ich weder Gefühl noch Wissen besitze. Ich bin komplett ahnungslos, ich habe nichts, ich kann nicht weiter - bref: da ist nichts. Im Luxemburgischen bzw. Deutschen ist die Unwissenheit noch größer als im Französischen, da sagt man nämlich "j'en ai aucune idée" - und man wenigstens weiß worüber man nichts weiß.

Hat Sokrates Ahnung?

Das erinnert an Sokrates' berühmtes "Ich weiß, dass ich nichts weiß" - wobei man bezweiflen kann, dass Sokrates seine Gespräche heute mit "Jo mee keng Ahnung" beginnen würde. Aber man könnte tatsächlich im "Keine Ahnung" eine Art Angebot sehen. In diesem Sinne wäre das "Keine Ahnung" eine Art Bescheidenheitsbekundung, nach dem Motto "Ich weiß es nicht, ich bin ahnungslos, und deshalb offen für den Dialog, denn bestimmt weißt du es besser."

Das Eingeständnis der eigenen Unwissenheit ist der Beginn des intellektuellen Austauschs - das ist der Kern der sokratischen Praxis. Sokrates selbst hat seine Praxis ja eine Hebammenkunst, eine Maieutik genannt.

In der Antike waren Hebammen sterile Frauen, die den fruchtbaren Frauen halfen, ihre Kinder zu gebären. Sokrates ist metaphorisch ein steriler Denker, dem es darum geht, die Ideen seiner Dialogpartner zu gebären. Das geht aber nur, indem diese sich der eigenen Unwissenheit bewusst werden.

Wittgenstein hat Ahnung!

"Keine Ahnung" sagt man meistens am Anfang eines Satzes - aber danach folgt meist noch sehr vieles. "Keng Ahnung, mee...". Eben das ist ganz eigenartig, insofern es sich hier ja um einen performativen Widerspruch handelt. Denn eigentlich müsste auf das "Keine Ahnung" einfach nur Stille folgen.

Das wiederum erinnert an den berühmten letzten Satz in Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus: "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." Wir tun das Gegenteil: das Geständnis der eigenen Ahnungslosigkeit ist heutzutage wohl das gängigste Konversationssprungsbrett.

Das "Keine Ahnung" vor dem Gesagten dient m.E. als eine Art Absicherung: man setzt das, was man sagen wird, in Klammern, man schwächt es ab noch bevor man überhaupt angefangen hat, etwas zu sagen.

Mit dem Resultat, dass man das, was man da sagt, jederzeit zurücknehmen kann - weil man ja eben keine Ahnung hat, weil man es nicht besser wusste. Oder anders gesagt; ich weiß nichts, was ich sage hat keine Gültigkeit und ich kann für das, was ich sage, nicht einstehen. "Keng Ahnung" ist im Grunde genommen sprachliche Selbstentmündigung.

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