Seismograph Greenwashing

Mit diesem Begriff bezeichnet man die Praxis großer Firmen, falsche oder irreführende Angaben über den ökologischen Impact ihrer Produkte oder ihrer Produktionsmethoden zu machen. Lukas Held erstaunt dieses Phänomen aus verschiedenen Gründen.

Lukas Held / cbi

Lukas Held

Augenwischerei

Mit dem Begriff "Greenwashing" bezeichnet man bekanntlich die Praxis großer Firmen, falsche oder irreführende Angaben über den ökologischen Impact ihrer Produkte oder ihrer Produktionsmethoden zu machen um sich so in ein grünes Licht zu rücken.

Mich erstaunt dieses Phänomen aus verschiedenen Gründen - was vorneweg jedoch absolut nicht erstaunt ist, dass es Greenwashing überhaupt gibt, dass Marketingabteilungen ohne professionelle Grüntüncher heute nicht mehr auskommen und dass leere Worthülsen wie sustainability, environment-friendliness oder eco-fairness mittlerweile in jede Werbung gehören.

Das alles erstaunt nicht. Denn das Kapital passt sich bekanntlich immer an und macht auch noch den allerletzten Quatsch mit, solange es dadurch nur seine eigene Vermehrung sichert. So kommt es, dass Banken sog. Green-Bonds verkaufen oder gar eine sustainable Visa-Card anbieten, deren Prinzip darin besteht, dass Visa pro 200 Transaktionen einen Baum in Bangladesh pflanzt.

Das alles ist natürlich nur Augenwischerei - aber eben wie gesagt nicht erstaunlich. Mich erstaunt auch nicht, wie unverschämt die Firmen dabei vorgehen, denn das Kapital macht wie gesagt alles, um sich zu vermehren - auch wenn es sich dafür lächerlich machen muss, wie der Tankstellen-Direktor, der mit dünnem Stimmchen im Radio verlauten lässt, seine Tankstelle sei jetzt "grün", da man nur Öko- statt Plastik-Tüten verwende.

Was mich hingegen erstaunt ist, dass das Ganze zu funktionieren scheint, dass manche Menschenwirklich den Eindruck gewinnen, dem Planeten etwas Gutes zu tun, wenn sie recylcebare Plastikflaschen oder organic-cotton-Shirts bei H&M kaufen.

Das Gewissen wird zum Shopping-Partner

Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hat vor Jahren einmal eine ziemlich treffende Analyse des Phänomens vorgelegt. Für Zizek zielt das Greenwashing eigentlich darauf ab, eine höhere Form des Konsums zu promoten. Früher konsumierte man einfach, und fühlte sich danach zuerst gut, und dann miserabel, denn man wusste, dass das neue, viel zu große Auto weder nötig, noch gut für die Umwelt, sondern einfach nur geil war.

Ebenso schädlich, unnötig und geil wie die zehnte Jeans, die Kreuzfahrt und eigentlich alles von Nespresso. Und wenn das Gewissen anklopfte, ja dann verkroch man sich unter einer Decke von Scham - weil man wusste: das alles ist schlecht und unnötig.

Naja, heute lässt man das Gewissen gar nicht erst anklopfen, heute ist das Gewissen sozusagen zum Shoppingpartner. Dadurch, dass mir qua Greenwashing suggeriert wird, ich würde etwas Gutes tun, wenn ich meine Visa-Karte benutze; dadurch, dass meine Jeans eben eco-friendly und mein Shirt aus Bio-Baumwolle ist; dadurch dass X-Prozent des Kaffepreises für ökologische Projekte in Äthiopien gespendet werden - durch all dies gewinne ich als Konsument den Eindruck, dass die Schäden, die mein Konsum verursacht, durch den Konsum selbst behoben werden.

Oder, wie Zizek es sagt: du wirst zum Konsumenten ohne schlechtes Gewissen, da der Preis für die Bekämpfung des Konsumerismus selbst bereits im Produkt enthalten ist. So wie z.B. Autofirmen das Elektro-Auto mit der Idee bewerben, man schaffe alles Schlechtem am Auto ab, indem man ein elektrisches Auto kauft.

Der Konsum hebt sich sozusagen dialektisch selbst auf: ich kaufe, um mich davon zu befreien, dass ich gekauft habe. Das ist natürlich ein Irrglauben, denn der Konsum selbst ist ja das eigentliche Problem. Der ökologische Fußabdruck wird ja nicht kleiner, nur weil die Sneakers aus veganem Leder sind.

Kann man "ethisch" konsumieren?

Man spricht ja in diesem Kontext auch oft von ethical consumerism, also ethischem Konsum und meint damit eine Form des bewussten Konsums, mit der Absicht, das Angebot der verkaufenden Firmen zu verändern. Die Idee eines bewussteren Konsums ist per se nicht schlecht und insofern charmant als hier die Machtbalance zwischen Produzenten und Konsumenten neu ausgelotet wird.

Aber man muss sich fragen: kann man wirklich ethisch konsumieren? Ethik ist das durch Krisensituationen herausgeforderte Nachdenken über die Sitten, Gebräuche und Gepflogenheiten, denen man normalerweise anhängt. Es geht darum, sich denkend von religiösen, politischen oder kulturellen Imperativen zu lösen und andere Wege des Handelns zu erschließen, die man dann frei wählen kann. Das ist wichtig: Moralität erwächst aus Freiheit.

Zum ethischen Konsum müsste dann gehören, den Konsum selbst in Frage zu stellen, also sich vom Imperativ des Konsums zu lösen. Wenn es also darum geht, die Alternative des Nicht-Konsums in den Konsum mit einzubringen, dann könnte man durchaus von ethischem Konsum sprechen. Aber darum geht es ja meistens nicht. Denn so funktioniert er nicht, der Kapitalismus - noch nicht einmal der grüne.

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