Seismograph Die ewige Kindheit - Comics und Philosophie

Das Collège de France in Paris hat das Jahr 2020 zur "Année de la BD" ausgerufen. In diesem Kontext finden in den nächsten Monaten mehrere Veranstaltungen zum Thema statt, zu denen man sich ganz leicht über die Website der Institution zuschalten kann, auch ohne Anmeldung. Der Startschuss wurde letzten Mittwoch schon gegeben, und zwar von Benoit Peeters, seines Zeichens nicht nur Philosoph und Biograph, sondern auch Co-Autor der bekannten Serie "Les Cités obscures" (zusammen mit François Schuiten). Seine hochinteressante Konferenz zum Thema "Le génie de la bande dessinée" kann man sich übrigens jetzt schon im Replay auf der Website ansehen. Lukas Held informiert.

Lukas Held

Lukas Held

Lukas Held:

Ich würde mich selbst nicht als einen Comic-Kenner oder -sammler, dafür aber als einen großen Comic-Liebhaber bezeichnen. Sehe ich ein Comic, kann ich nicht nicht reinschauen. Als Kind war ich fasziniert von Hergés "ligne claire", insbesondere von "Quick & Flupke", die meine Mutter mir vom Einkaufen mitbrachte und mir abends vorlas. Später dann natürlich von "Tintin", noch später hielten mich "Spirou & Fantasio" in ihren Bann, danach "Gaston", irgendwann auch "Bob & Bobette" - und heute lese ich eher amerikanische Graphic Novels. Genau hatte jede meiner Lebensphase ihren eigenen Comic-Helden.

Es beglückt mich zu sehen, wie viele Erinnerungen und Gefühle ich noch mit diesen Figuren verbinde, und es betrübt mich zugleich, wie fremd mir diese Geschichten geworden sind, wie fern meine kindliche Faszination heute ist. Dennoch bin ich immer wieder davon beeindruckt, welche Emotionen diese simple Kombination aus Text und Bild zu wecken vermag, welche Dynamik sich nur aus der Anordnung der Panels ergeben kann, kurz: welche Innovationskraft das 9ème Art entfaltet. Ich denke da z. B. an Emil Ferris' grandioses Werk "My Favorite Things is Monsters" von 2017, das sie integral mit Bic in ein Spiralheft gezeichnet hat.

Simon Larosche: Das klingt tatsächlich sehr interessant. Gibt es denn aktuelle Events zum Thema?

Ja, tatsächlich hat das Collège de France in Paris das Jahr 2020 zur "Année de la BD" ausgerufen. In diesem Kontext finden in den nächsten Monaten mehrere Veranstaltungen zum Thema statt, zu denen man sich ganz leicht über die Website der Institution zuschalten kann, auch ohne Anmeldung. Der Startschuss wurde letzten Mittwoch schon gegeben, und zwar von Benoit Peeters, seines Zeichens nicht nur Philosoph und Biograph, sondern auch Co-Autor der bekannten Serie "Les Cités obscures" (zusammen mit François Schuiten). Seine hochinteressante Konferenz zum Thema "Le génie de la bande dessinée" kann man sich übrigens jetzt schon im Replay auf der Website ansehen.

Im November geht es dann weiter mit den Künstlern Catherine Meurisse sowie Emmanuel Guibert und im Dezember wird Jean-Marc Rochette, besser bekannt als Autor der BD-Reihe "Transperceneige" (bzw. "Snowpiercer", aktuell auch als Serie auf Netflix), aus seinem Werk berichten.

Das macht jedenfalls Lust auf mehr. Alle Informationen und Links zu dem Event finden Sie natürlich auf der Website 100komma7.lu. Gibt es denn eigentlich auch eine Art Philosophie des Comics?

Es gibt natürlich Comics mit philosophischer Tiefe. Zu nennen wären da insbesondere die Werke Alan Moores, z. B. "Watchmen", "From Hell" oder "Swamp Thing", die mehr philosophische Reflexion enthalten, als so manches gelehrte Buch. Aber du fragst ja nach dem Philosophischen am Comic - und da komme ich nochmal auf das eingangs Gesagte zurück.

Es ist ja offensichtlich so, dass im Comic trotz aller Action und Dynamik die Zeit irgendwie still zu stehen scheint. Die Figuren im Comic altern nicht, die Abenteuer, die sie erleben, scheinen spurlos an ihnen vorbei zu gehen, und irgendwie ist jeder Band zwar Teil einer Serie, zugleich aber eine Art Kosmos in sich. Gerade deshalb kehren wir ständig und obsessiv zu diesen Figuren zurück, weil sie eigentlich niemals verschwunden sind und niemals verschwinden werden - immer nur einen Buchdeckel weit davon entfernt, uns in das nächste Abenteuer zu ziehen. Der Comic ist unser Zugang zu einer Art ewigen Kindheit, zu einer Welt des ständigen Anfangens und Erlebens, in der immer mehr passiert als tatsächlich gezeigt wird, da sich das Geschehen in die Imagination verlagert; eine Welt, in der es einerseits vor Gefahren wimmelt, andererseits immer Verlass ist auf unsere Helden - Milou wird Tintin schließlich nie im Stich lassen, und Gaston trotz seiner Faulheit wohl niemals entlassen werden. Vielleicht kehren wir deshalb zu den Comichelden zurück, eben weil sie uns nie enttäuschen. Und von wem kann man das schließlich sonst behaupten?

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