Seismograph Der gute Vorsatz

"Gute Vorsätze sind wie Schecks, die Menschen auf eine Bank ausstellen, bei der sie kein Konto haben", meinte bereits Oscar Wilde. Tatsächlich halten nur die wenigsten die gemachten Vorsätze auch ein. Aber muss das sein? Und wie formuliere ich einen wirklich guten Vorsatz?

Lukas Held / cbi

Lukas Held

Es ist ja fast schon ein Klischee: nach den Feiertagen, nach gutem Essen und vielen Geschenken, da setzt die Reue ein. Die Reue darüber, dass man es sich zu gut hat gehen lassen, dass man schamlos allen Gelüsten und Begierden nachgegeben hat, dass man zu viel Geld ausgegeben, zu viel gegessen, zu viel getrunken und vielleicht zu viel gefeiert hat. Um dieser Reue Rechnung zu tragen und um unser gutes Gewissen zu befriedigen, machen wir uns dann allerlei gute Vorsätze.

Mit dem Ende anfangen

Das Problem am guten Vorsatz ist ja, dass er die Veränderung nur vorgaukelt anstatt sie anzustoßen. Was tut man, wenn man sich einen Vorsatz macht? Das Wort sagt es schon: man macht einen Satz, d.h. einen Sprung nach vorne, man blickt in die Zukunft. Man sagt sich dann: Ich werde jetzt so! Man hat dann z.B. ein Bild von sich als durchtrainiertes, gesundes, motiviertes, interessiertes und glückliches Individuum.

Der Vorsatz beginnt mit diesem Bild, mit dieser Projektion - d.h. er beginnt mit dem Ende. Dadurch wird allerdings der Weg ausgeblendet, den man gehen muss, um zu diesem Ende zu gelangen. Man blendet also den Prozesscharakter der Veränderung selbst aus. Wenn man jedoch etwas verändern möchte, sollte man nicht mit dem Ende anfangen, sondern das Ende offen lassen.

Denn sich zu verändern bedeutet, ja, dass man etwas ändern möchte, dass man etwas anders machen will. Wenn man nichts anders macht, kann es zu keiner Änderung kommen. Aber sobald man anfängt, die Dinge anders zu machen, beeinflusst man auch das Outcome, d.h. das Resultat dieses Prozesses.

Reaktion statt Entscheidung

Aber das wird beim guten Vorsatz meistens nicht bedacht - zumindest dann nicht, wenn der Vorsatz - wie ich sagte - schon vom Ende ausgeht. Wenn man vom Ende ausgeht, dann fängt man nie an, weil man den eigenen Anforderungen nie gerecht werden kann, da ja immer schon alles feststeht. Wenn man aber etwas anfangen will, dann muss das Ende offen bleiben. Aber es gibt noch ein weiteres Problem mit dem guten Vorsatz.

Wir konzipieren den Vorsatz meist als eine Reaktion auf etwas. An Neujahr typischerweise als eine Reaktion auf ein zu viel oder ein zu wenig, z.B. zu viel Fressen, zu wenig Bewegung, zu viel Geldverschwendung, zu wenig wahre Werte usw.. Tatsächlich machen wir uns ja andauernd Vorsätze, nicht nur an Neujahr, wir wollen ständig Dinge an uns ändern.

Deshalb legen wir uns selbst Regeln auf, wir sagen uns: ich möchte so werden, und deshalb muss ich so oder so handeln. Also z.B. den Vorsatz, vor dem Fernseher keine Chips mehr zu essen, weniger Party zu machen und sich mehr Zeit für sich zu nehmen.

Mehr Ethik, weniger Moral

Wir stellen also Regeln, oder besser Gesetze für uns selbst auf und wir schreiben uns vor, dass wir diese Gesetze zu befolgen haben. Natürlich ist das eine sehr schwere Sache, da man selbst sein eigener Richter wird und sich selbst Rechenschaft ablegen muss. Nun sind Gesetze super, um eine Gesellschaft zu regeln, denn Gesetze muss man nicht verstehen, um sie zu befolgen.

Aber um das eigene Leben zu verändern, ist es unablässig, die Regeln, die man sich auferlegt, nicht nur zu verstehen, sondern auch zu wollen, zu leben - und ich würde sogar sagen zu fühlen. Regeln, Gesetzen sind Dinge, denen man folgt ohne sie verstehen zu müssen. Den Wille nach eigener Veränderung allerdings, den kann man sich nicht auferlegen, wie man ein Gesetz auferlegt bekommt. Man muss sich selbst definieren, was ein gutes und und was ein schlechtes Leben ist.

Der französische Philosoph Gilles Deleuze hat das Ethik genannt und sie von der Moral unterschieden. Die Moral betrifft eben die gesellschaftlich festgelegten Regeln und Normen, die festlegen, was als "gut" oder "böse" angesehen wird. Die Moral ist sozusagen top-down. Ethik hingegen betrifft die individuelle Entscheidung darüber, wie man sein Leben führen will. Ethik bedeutet, Entscheidungen zu treffen und autonom zu handeln, anstatt einfach die von der Gesellschaft festgelegten Regeln und Normen zu befolgen.

Gute Vorsätze können ethisch sein, sind aber meistens und leider nur moralisch, d.h. nicht wirklich verstanden, nicht autonom gewollt und eher "top-down", d.h. gesellschaftlich diktiert. Also zusammengefasst: zur Veränderung braucht es Offenheit und Flexibilität, und zugleich den Willen auch etwas verändern zu wollen - und zwar nicht in Form eines "Du sollst", sondern eines "Du willst".

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