Seismograph Der Begriff "Fait maison"

Steckt hinter dem Begriff "fait maison", "homemade" oder "hausmaacher" mehr, als nur frische Produkte oder originelle Kreationen? Meint der Begriff mehr, als er sagt? Und welche Rolle spielt die Zeit bei alledem?

Lukas Held / cbi

Lukas Held

Hausmaacher - Fait maison - homemade - hausgemacht

Es ist heute schwer geworden ein Lokal zu finden, in welchem nicht mindestens ein Gericht mit dem Label "fait maison" beworben wird. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine geschützte Beschreibung - zumindest im Gastronomieland Frankreich, wo man - wie könnte es auch anders sein ­- ganz bestimmte Kriterien erfüllen muss, damit man dieses oder jenes Gericht als fait maison anpreisen kann.

Und zwar folgendes: "le plat a été cuisiné sur place à partir de produits bruts, c'est-à-dire non-mélangés à d'autres produits ou par un chauffage préalable". Wer nun hin und wieder einmal ein Plat du Jour isst, weiß, dass dieses Label aber inflationär oder sogar völlig falsch verwendet wird - auch hierzulande.

Man denke an das Confit de Canard für 15 Euro; die "hausgemachten" Nems, die aus der Tiefkühltruhe kommen; den Moelleux au chocolat, der nach fünf Minuten bereits serviert ist, usw. usw.Diese Enttäuschung ist ein Indiz dafür, dass wir gewisse Erwartungen an die Begriffe fait maison oder homemade haben.

Ge-HEIM

Der Begriff ist sozusagen bedeutungsschwanger, er meint mehr, als er eigentlich sagt. Im kulinarischen Bereich verbinden wir damit offensichtlich frische und also auch gesunde Produkte, also halt nichts Eingelagertes. Das fait maison ist das Gegenteil der Massenproduktion, der Standardware. Hier geht es um eine gewisse persönliche Note: wer ein plat fait maison bestellt, will etwas von der Kunst des Chefs dort wiederfinden, also Authentizität und Originalität.

Das gilt auch für alles Nicht-Kulinarische: homemade ist synonym für individuell und authentisch, für Selbstverwirklichung. Das erklärt natürlich einen Teil des Erfolgs: wir wollen allemal authentische und einzigartige Erfahrungen, obwohl sich "alle" und "einzigartig" offensichtlich widersprechen.

Das homemade verweist darüber hinaus auf das home, also auf den privaten Bereich der eigenen vier Wände, auf das Heim. Wenn man fait maison liest, hört man fait à la maison - das heißt mit Sorgfalt, mit Liebe fürs Detail, mit der Aura des HEIM-lichen, des Ge-HEIMen. Man denkt sich: hier hat jemand ein Rezept oder eine Technik entwickelt, ein Geheimnis, an dem er oder sie mich teilhaben lässt. Das weckt Erinnerungen an eine Zeit, als man noch umsorgt wurde. Auch diese Bedeutung klingt im Begriff homemade an: hier bemüht sich jemand, hier kümmert sich jemand um mich, hier bin ich nicht einer von vielen, sondern jemand besonderes.

Eine verlorene Einheit zurückkaufen

Zu Hause ist, wo ich ich selbst sein kann und wo man sich zugleich um mich kümmert. Man hat also einerseits die Dimension des "für sich" (man verwirklicht sich selbst in der Herstellung des Produkts) und andererseits die Dimension des "für andere" (man produziert damit andere etwas davon haben, man produziert für andere, man opfert sich auf).

Im Gegensatz zur Massenware suggeriert das homemade-Produkt einen quasi-organischen Zusammenhang zwischen Produzent und Konsument. Oder anders gesagt: erst der Kauf des Produkts gibt dem Produktionsprozess seinen Sinn. Hat man die Wahl, so hat zieht man schließlich das home-made-Produkt der Massenware vor, weil man hier den Eindruck hat, durch den Kauf der Ware etwas zu valorisieren, nämlich den Produktionsprozess selbst.

Vielleicht lassen wir uns so gerne vom Label fait maison in die Irre führen, weil wir den Eindruck haben, durch unseren Kauf die verlorene Einheit von für sich und für mich, von Selbstverwirklichung und Selbstopfer wiederherzustellen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir am homemade eine Qualität schätzen, die uns selbst fehlt, nämlich die Zeit.

Jemand hat sich Zeit genommen (wie es so vielsagend heißt) um die Zutaten auszuwählen, das Gericht oder Produkt zu präparieren und dabei eine persönliche Note zu hinterlassen. Zeit, an der man uns teilhaben lässt und die wir selbst nicht mehr aufbringen müssen. Eben darin liegt der Charme des fait-maison und des Home-Made im weitesten Sinne: es ist die Materialisierung von sich-genommener Zeit.

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