Buchbesprechung Stefano Mancuso: Die unglaubliche Reise der Pflanzen

Pflanzen gelten als niedere Lebewesen, als passiv und dumm. Gegen dieses weiterverbreitete Vorurteil, das bereits von Darwin angezweifelt wurde, kämpft der Botaniker und Pflanzenneurobiologe Stefano Mancuso in seinen Büchern an. So auch in seinem neuen Sachbuch "Die unglaubliche Reise der Pflanzen", in der er die Mittel und Methoden beschreibt, mit denen Pflanzen neue Gegenden erobern, Kälte, Hitze und Kargheit trotzen.

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Stefano Mancuso: Die unglaubliche Reise der Pflanzen
Foto: Léonard Cotte (Unsplash) / Klett-Cotta

Pflanzen bewegen sich bekanntlich nicht selbstständig von einem Ort zum anderen, sie sind sesshaft, genauer gesagt: verwurzelt. Doch über Generationen hinweg gesehen können sie neue Gegenden erobern, egal, wie weit entfernt, schwer zugänglich oder ungastlich diese sind.

Wie die Pflanzen das bewerkstelligen, das erläutert Stefano Mancuso in "Die unglaubliche Reise der Pflanzen" anhand von 16 außergewöhnlichen Beispielen, die neben unterschiedlichen Methoden auch den starken Expansionsdrang der Pflanzen und ihre hohe Anpassungsfähigkeit illustrieren.

Die Expansion der Pflanzen

Samen spielen bei der Expansion von Pflanzen die Hauptrolle, deshalb haben die Pflanzen ihre Früchte perfekt an ihren Lebensraum angepasst. Eine Kokosnuss kann beispielsweise monatelang unbeschadet übers Meer reisen, bevor sie an Land Wurzeln schlägt. Auf diese Weise hat die Kokospalme sich von Südostasien aus im gesamten Pazifikraum verbreitet.

Pflanzen nutzen Wind und Wasser, Tiere und Menschen als Transportpartner, aber auch Autos oder Züge. Das Felsen-Greiskraut, das durch Menschenhand von den Hängen des Ätnas in die Gärten von Oxford gelangte, fand Mitte des 19. Jahrhunderts im Gleisbett der Bahnlinie optimale Lebensbedingungen und verbreitete sich per Bahn von Oxford bis nach Schottland.

Eine problematische Beziehung

Der starke Expansionsdrang von Pflanzen ist dem Menschen bisweilen ein Dorn im Auge; invasive Arten, wie die Wasserhyazinthe, gelten als problematisch. Zu ihrer Bekämpfung erwog man in den USA zeitweise sogar die Ansiedlung von Flusspferden, weil sie die natürlichen Fressfeinde der Wasserhyazinthe sind.

Umgekehrt stellt der Mensch aber auch eine Bedrohung für Pflanzen dar. Ein Beispiel dafür ist die Avocado, die mangels tierischer Transportpartner bereits im 16. Jahrhundert vom Aussterben bedroht war. Der Mensch rettete die Avocado und sorgte für ihre Verbreitung. Inzwischen jedoch züchtet er kernlose Früchte.

Ein leidenschaftliches Buch

Stefano Mancusos Blick gilt den Pflanzen und dem komplexen Beziehungsgeflecht zwischen Pflanze, Mensch und Tier. Dabei schlägt er einen Bogen von der tiefsten Vergangenheit bis in die Zukunft. Der 55-jährige Professor für Botanik, der an der Universität Florenz ein Labor für Pflanzenneurobiologie leitet, berichtet von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und historischen Ereignissen, von Forschern und Phantasten. Und besticht dabei durch Erzählfreude und Erzählkunst.

Pflanzenaffinen Lesern ist Mancuso seit seinem Bestseller "Die Intelligenz der Pflanzen" ein Begriff, mit dem er 2013 für heftigen Wirbel in Fachkreisen sorgte. Die Theorie, dass Pflanzen fähig sind, selbständig Probleme zu lösen, taucht auch in seinem neuen Buch "Die unglaubliche Reise der Pflanzen" auf, in dem Mancuso Pioniere, Eroberer und Überlebenskünstler aus dem Reich der Pflanzen präsentiert, die Hitze, Kälte und Kargheit trotzen - und sogar radioaktiver Verseuchung. Die Leidenschaft, mit der Mancuso das tut, ist mitreißend!

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