Buchbesprechung Die Kunst des Mittagsschlafs

Der französische Philosoph Thierry Paquot ist ein leidenschaftlicher Mittagsschläfer und hat seiner Passion ein Buch gewidmet, in dem er ein Loblied auf den Mittagsschlaf anstimmt. Angelika Thomé hat Paquots "Die Kunst des Mittagsschlafs" gelesen.

Angelika Thomé / cbi

Die Kunst des Mittagsschlafs

My home is my office - diese Erfahrung, die sonst nur Selbständigen vergönnt ist, machten viele Angestellte während der Zeit des Lockdowns und darüber hinaus. Zuhause zu arbeiten, das erfordert Selbstdisziplin, denn an jeder Ecke lauern Ablenkungen.

Es ist aber auch ein Privileg, denn man kann sich seine Zeit selbst einteilen. Man kann zum Beispiel mittags eine Siesta einlegen.

Die eigene Zeit einteilen

Thierry Paquot wird diesen aktuellen, wenn auch aus der Not geborenen Trend zu mehr Homeoffice sicherlich begrüßen. Die Selbstbestimmung über die eigene Zeit ist ihm ein wichtiges Anliegen, da sie die Grundvoraussetzung für den Mittagsschlaf bildet.

Mit Verve prangert der französische Philosoph und Urbanist den Sieg der ökonomischen Gesichtspunkte über die Einteilung der Zeit an. Die Disziplinierung der Zeit und ihre Unterordnung unter Rentabilitäts- und Produktivitätsnormen ist dem passionierten Mittagsschläfer ein Dorn im Auge; Schichtdienst, Stechuhren und Werkssirenen sind ihm ein Gräuel.

Ein Rundgang durch Kultur- und Geistesgeschichte

In seinem Plädoyer für den Mittagsschlaf lässt Paquot sich ausgiebig über den Einzug der Uhren und der festgeschriebenen Tagesabläufe aus. Doch zunächst nähert er sich dem Mittagsschlaf über Kultur und Kunst. Er führt den Leser durch eine Gemäldesammlung, die den Mittagsschlaf huldigt, und ins Reich der Mythologie. Auf der Suche nach den Spuren des vom Aussterben bedrohten Mittagsschlafs taucht er in die Etymologie ein und streift kurz die Literatur, bevor er Philosophen und Soziologen zu Wort kommen lässt.

Der Rundgang durch die Kultur- und Geistesgeschichte dient Paquot ebenso wie die Systemkritik zur Untermauerung seiner persönlichen Erfahrungen mit der Siesta. Für ihn ist der Mittagsschlaf eine Wohltat, eine gewinnbringende, weil stärkende Auszeit, ein Freiraum, der die Autonomie des Individuums fördert. Und weil der Mittagsschlaf sich allen ökonomischen Regeln widersetzt, trägt er gewissermaßen auch einen revolutionären Keim in sich.

Ein Luxus

"L'art de la sieste" erschien 1998 erstmals in Frankreich. In der zehn Jahre später erfolgten Neuauflage hat Paquot ein Nachwort hinzugefügt, in dem er auf die wachsende Verbreitung der "Siestologie" eingeht und sein Essay auf den neuesten Stand bringt, also auf den Stand von 2008. Das ist nun auch schon ein paar Jährchen her.

Dass der Steidl Verlag Paquots Loblied auf den mittäglichen Müßiggang trotzdem wieder aufgelegt hat, ist wohl der aktuellen Lage geschuldet. Doch auch wenn das Homeoffice eine freiere Arbeitseinteilung gestattet: Der Mittagsschlaf ist und bleibt ein Luxus, den sich nur Wenige leisten können.

An der Mediathéik:

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