Das Ich klammert sich an sich selbst fest
Tatsächlich wird in unserer Gesellschaft der direkte und der schnelle Weg sehr stark valorisiert. Das fängt beim GPS an (wobei interessanterweise Google jetzt auch den "grünsten" Weg vorschlägt). Man sieht es aber auch im Lycée und an der Uni, wo man die SchülerInnen leider zu oft darauf trimmt, sich möglichst schnell für einen möglichst geraden Weg zu entscheiden. Diese geraden Wege ergeben dann die geleckten LinkedIn-Profile, wo bloß keine Lücke im CV sein darf. Und selbst wenn wir Umwege zulassen, dann sollen sie zeitlich begrenzt sein und möglichst in die Komptabilität des eigenen Lebens passen. Stichwort: "Gap-Year". Effizienz und Produktivität sind Trumpf - wodurch das "Sich Verlieren" natürlich eine sehr negative Konnotation erhält. Der Ausdruck wirkt doppelt böse: verlieren an sich ist ja schon nichts schönes, aber wenn man dann auch noch sich selbst verliert, dann scheint das wirklich gefährlich.
Wir wollen uns selbst nicht verlieren, weil dieses Selbst, dieses Ich ja spätestens seit René Descartes die Sache ist, der wir uns am sichersten sind. Descartes findet im Ich, in der eigenen Existenz die absolute Sicherheit - und das in einer Zeit, nämlich im 17. Jahrhundert, als vieles ganz unsicher wird. Dank Kopernikus und Galilei brechen das alte Weltbild, die Dogmen und die kirchliche Autorität langsam zusammen. Die einzige Sicherheit liegt im Ich: cogito ergo sum, ich denke, also bin ich, und selbst wenn ich an allem zweifeln, an dieser einen Wahrheit kann ich nicht zweifeln.
Das Ich stellt sich gegen sich selbst
Aber wie sicher ist dieses Ich eigentlich? Was haben wir gewonnen, wenn wir uns unserer selbst sicher sind? Woran klammern wir uns da eigentlich? Neben dieser von Descartes geleiteten Denktradition, die das Ich in das Zentrum rückt, gibt eine andere philosophische Denktradition, die dem Ich tatsächlich den Rücken kehren will. Der Schriftsteller Franz Kafka - den man wohl getrost zu dieser letzten Tradition zählen darf - schrieb einmal den folgenden schönen Aphorismus: "Im Kampf zwischen dir und der Welt, sekundiere der Welt." Also sinngemäß: im Duell zwischen dir und der Welt, stell dich auf die Seite der Welt.
Was meint er damit? Er meint, dass das Ich den Kampf gegen die Welt immer schon verloren hat. Die Welt war vor dem Ich da und wird nach dem Ich immer noch da sein. Die Welt braucht mich nicht. Und angesichts dieser unendlichen Zeit vor und nach mir muss ich zugeben: ich bin nicht viel. Das Ich ist nicht viel im Vergleich zur Welt. Ungefähr zur selben Zeit wie Descartes schrieb der französische Philosoph Blaise Pascal: "Le silence éternel de ces espaces infinis m'effraie". Das ist die Grundstimmung des Menschen, der sich bewusst wird, wo er eigentlich auf einem kosmischen Level steht: nämlich auf einem einsamen Planeten inmitten der Unendlichkeit. Also: wenn wir uns gegen die Welt stellen, dann verlieren wir immer schon. Deshalb müssen wir uns auf die Seite der Welt und gegen uns selbst stellen. Anders gesagt: wir müssen uns selbst verlieren.
Das Ich verliert sich - z.B. auf Reisen
Verlieren kann man sich z.B. im Rausch, oder indem man sich für andere Menschen interessiert - wirklich interessiert, d.h. sich selbst dabei ausblendet. Oder indem man verreist. Aber nicht Influencer-Instagram-Post Verreisen, wo man eigentlich nur wieder das Ich an exotischen Orten in Szene setzt. Nein: man sollte so reisen, dass man sich selbst in der Reise verliert. Das ist der Unterschied zwischen der Vakanz und der Rees, zwischen vacances und voyage, zwischen Urlaub und Reise. An einen Urlaub stellt man Erwartungen, nämlich das man erholt oder braungebrannt oder fröhlich zurück kommt - jedenfalls soll man bloß nicht enttäuscht werden. An eine Reise kann man keine Erwartungen stellen, und falls ja, dann sollten die bestenfalls allemal enttäuscht werden. In einer Reise sollte man seine Anhaltspunkte verlieren. Man sollte letztlich die Ichbezogenheit verlieren. Denn - und das sagt uns Kafka auch: es ist eben diese Ichbezogenheit, dieser Egoismus, der aus unserem Leben einen Kampf mit der Welt macht. Denn noch einmal: "Im Kampf zwischen dir und der Welt, sekundiere der Welt."